Hefttitel

Vorankuender

Freunde! Denkt euch, gestern früh um 5 Uhr 2 Minuten wurde rasend bei mir antelephoniert - - rrrrrrrrrrrr! Ich fiel glatt aus dem Bett. „Halloh, hier Fridolin - - Fri - - do - - lin??!“ Meldet sich: „Doktor Ix.“ „Wie bitte! „ frage ich. „Dok- -torrr Ix!!“ „Kenne ich nicht,“ sage ich. „Bald werden Sie ihn kennen,“ krächzte es zurück. Es war eine schauerliche Stimme, ich bekam ein wenig Zähneklappern. „Ich habe eine fabelhafte Geschichte, die sogleich in Ihrer Zeitschrift erscheinen muß.“ „Aber,“ sage ich, „ich kenne ja die Geschichte noch gar nicht.“ „Ueberflüssig,“ kräht es zurück, „bald werden Sie sie kennen.“ „Aber wie heißt sie denn, die Geschichte?“ „Das geht Sie zunächst gar nichts an,“ miaute es zurück, „Sie bringen ein Bild von einer Stadt - - ungeheure Blumen wachsen im Vordergrund - - alle Leute rennen wie verrückt - - Pferde gehen durch. Ueberschrift: Eine fabelhafte Geschichte.“ „Und die Geschichte selbst???“ frage ich. „Beginnt im nächsten Heft,“ brüllte es, „Schluß!“


Kinder, Kinder! Doktor Ix heißt er. Wenn ihr die Stimme gehört hättet! Ich glaube, er ist imstande und bringt mich um, wenn ich nicht das verrückte Bild mit der Ueberschrift hier abdrucke. Warten wir eben in Gottes Namen ab, was nun werden wird.
Euer sehr in Sorge befindlicher
Fridolin.

 

Eine geheimnisvolle Erzählung von Doktor Ix.

Freunde! Heute beginnt nun die geheimnisvolle Erzählung des Doktor Ix. Wie ich dazu kam, habe ich euch im letzten Heft berichtet. Ich bin jetzt allerding nicht mehr in Sorge wie damals, denn ich habe die Erzählung gelesen und finde sie fabelhaft. Ihr werdet staunen. Und nun beginnt selbst zu lesen; die Erzählung wird für sich selber sprechen.
Fridolin.


 

1. Kapitel.
Die Dusendaler fangen eine Forelle, die es in sich hat.

Das Flüßchen Dreivat war ein lustiges Gewässer. Es steckte ganz voll von Forellen, und an seinen grünen Ufern lagen die Bürgermeister der guten Stadt Dusendal auf dem Bauch und angelten. Wenn die Sonne ihnen auf der einen Seite zu heiß brannte, so legten sie sich auf die andre. Sonst bewegten sie sich nur, wenn sie eine Forelle an der Angel hängen hatten und sie wohl oder übel herausziehen mußten. Das war immer recht anstrengend, denn die Dusendaler Forellen waren Tiere, die etwas auf sich hielten. Unter zwei, drei Pfund Gewicht taten sie es nicht. Sonst bissen sie gar nicht erst an. Die Dusendaler ließen sich dafür das Angeln etwas kosten. Sie streuten Butterbrot mit Wurst oder Schinken und machten den Forellen das Leben angenehm.

Das war nicht überall so. Dicht neben Dusendal lag die Stadt Tabatu. Hier angelten die Leute auch. Aber anders als die Dusendaler. Sie lagen nicht auf dem Bauch in der Sonne. Dazu hatten sie keine Zeit. Sondern sie waren den ganzen Tag hinter ihren Geschäften her und steckten nur ab und zu hastig die Angel ins Wasser, um sich den schönen Verdienst nicht entgehen zu lassen.

Dabei kann nicht viel herauskommen. Und es kam auch nichts heraus. Das Angeln will gelernt sein und braucht Zeit und Verstand. Aber daran dachten die Tubatau nicht. Sie schielten nur herüber zu den Dusendalern und ärgerten sich über die dicken Forellen, die da aus dem Wasser gezogen wurden.

Sie fangen sie uns weg, zischelten sie. Es ist die reine Niedertracht und geht nicht mit rechten Dingen zu.

Wir werden es ihnen schon noch eintränken, dachten sie. Und wenn sie einen Dusendaler von weitem sahen, wurde es ihnen grün und gelb vor den Augen.

Aber davon wußten die Dusendaler nichts. Sie fingen fröhlich ihre dicken Forellen und pfiffen sich eins dazu.

Die meisten Forellen in Dusendal fing Frank, der Neffe des Bürgermeisters. Das kommt, sagten die Dusendaler, weil er eine Nixe neben sich sitzen hat. Die lockt die Fische an! Die Nixe aber war Inga, Franks Tochter. Inga war zehn Jahre alt, und sie saß im Grase und streute den Forellen ihr Butterbrot.

Eines Tages fing Frank eine Forelle, die war drei Pfund schwer. Es war ein Prachtstück von einer Forelle, geradezu ein Wunder. Die bekommet der Onkel Bürgermeister! entschied Frank. Und Inga durfte die Forelle hintragen. Der Herr Bürgermeister hieß Tönnchen und war Ingas Pate. Er lag gerade im Fenster und rauchte seine Pfeife.

„Potztausend!“ sagte er, als er die Forelle sah, „das ist ja ein förmlicher Walfisch,“ und er rief in die Küche, sie sollten gleich den Wasserkessel aufs Feuer tun. Aber dann tat es ihm leid, daß er die schöne Forelle aufessen sollte, und er rief: „Die bring’ ich meinem Freund, dem Bürgermeister Rupf, nach Tubatau!“

Der Herr Rupf war gar nicht der Freund des Herrn Tönnchen. Weit gefehlt. Aber Her Tönnchen glaubte es und handelte danach. Er zog seinen Sonntagsrock an, wickelte die Forelle in ein Papier, tat etwas Suppengrün dazu und einen Faden darum und machte sich auf den Weg.

 

Der Herr Bürgermeister von Tubatau saß gerade da und aß zu Mittag, und seine Gemahlin, die Frau Rupf, und sein Sohn Eusebius waren auch dabei. Auf dem Tisch stand eine Schüssel; darin lagen auch Forellen, aber drei Pfund wogen sie nicht. Die Forellen hatte Eusebius gefangen, und sie waren so klein wie Sardinen.

„An mir liegt es nicht,“ sagte Eusebius. „Ich mache Kß! Kß!, aber die Dusendaler streuen Brocken, und locken sie damit an.“

Die Frau Rupf schüttelte ihre Haube und sprach: „Dein Vater ist zu gut, mein Kind, sonst hätte er diesen Räubern schon lange den Marsch geblasen. Und es juckt mir in den Fingern, wenn ich daran denke.“

Der Herr Bürgermeister stocherte mit der Gabel in den Forellen. Es war nichts als Haut und Gräten, und er hatte eine Wut und warf die Gabel hin und schrie: „Ich werde ihnen den Marsch schon blasen!“

In diesem Augenblick trat Herr Tönnchen aus Dusendal ins Zimmer, und es war kein guter Augenblick dafür.

„Guten Morgen!“ sagte er und hätte in seiner Freude am liebsten jeden einzelnen umarmt. Aber die Rupfs saßen ganz stumm da und sagten keinen Muck.

Herr Tönnchen wickelte schmunzelnd die Forelle aus, die drei Pfund wog, und legte sie auf den Tisch; es patschte ordentlich, so fett war sie.

Er sah sie zärtlich an, wie sie da lag, und rief: „Was sagt ihr dazu, meine Geschätzten?“

Nun, das sollte er bald erfahren.

Herr Rupf sprang von seinem Stuhl auf und sagte „Ha!“ und es klang wie ein Gebrüll.

Frau Rupf aber rückte an ihrer Haube und rief: „Es ist infam! Zu allem Unglück auch noch Hohn! Und es ist zuviel, und es ist zuviel!“

Aber Eusebius tunkte heimlich den Finger in die Sauce und spritzte damit unbemerkt dem Herrn Tönnchen auf die saubere Manschette.

Herr Tönnchen stand da wie vom Blitz getroffen. „Was ist das?“ fragte er ängstlich. „Wo soll es hinaus?“

„Wo es hinaus soll?“ brüllte Herr Rupf. „Das sollen Sie sogleich erleben, mein keineswegs Geschätzter!“

Er spießte die Forelle auf seine Gabel, die er vorhin auf den Tisch geworfen hatte, und stürzte aus dem Hause.

Was hatte er im Sinn? Nichts Gutes, das war gewiß. Er stürmte mit der Forelle auf den Marktplatz von Tubatau und hielt sie hoch in der Luft.

Alle Tubatauer strömten zusammen wie die Mäuse aus ihren Löchern, wenn es nach Fett riecht, und als sie die schöne Forelle sahen, wurden sie vor Neid ganz bleich.

Die Bürgermeister hielt den Fisch hoch, daß sie ihn recht betrachten sollten, und wendete ihn hin und her.

„Ihr meint wohl, derlei Tierchen seien hier in Tubatau zu fangen?“ rief er höhnisch. „Ihr armen Narren! Ihr dürft sie füttern, das dürft ihr. Aber gefangen werden sie in Dusendal!“

„Nieder mit Dusendal!“ riefen die Tubatauer und waren wütend darüber, daß sie die Forellen füttern sollten.

„Und wißt ihr, wer sie hierher getragen hat?“ rief Herr Rupf. „Wer sie aus lauter Hohn und Niedertracht vor euch zur Schau gestellt hat? Da steht er, der das getan hat. Und nun wißt ihr es!“

Er zeigte auf den Herrn Bürgermeister Tönnchen, der eben aus dem Hause trat.

„Nieder mit Tönnchen!“ schrien die Tubatauer, und sie fielen in ihrer Wut über den Herrn Bürgermeister Tönnchen her und zerrissen ihm seinen Rock und seine schöne Perücke und seine guten Sonntagshosen.

 

Herr Tönnchen hielt die Hände über den Kopf und lief, was er konnte, nach Du. Es ist alles nur ein böser Traum, dachte er. Aber es war kein Traum. Die Tubatauer kamen hinter ihm her wie ein brüllender Teufel, und mit knapper Not gelangte er aus dem Stadttor. Die Dusendaler hatten, als sie das Brüllen hörten, aus großer Angst das Tor schon zugemacht. Nur eine kleine Spalte hielten sie noch offen. Der Herr Bürgermeister schlüpfte atemlos herein. Es war die höchste Zeit. Mit Krachen fiel das Tor hinter ihm zu, den Tubatauern gerade vor der Nase.

 

2. Kapitel.
Die Dusendaler haben einen mutigen Mann, aber die Frau von Tubatau ist stärker.

Die Tubatauer donnerten gegen das Tor. „Komm heraus, Tönnchen!“ brüllten sie, wir wollen Forellen essen,“ und man hörte drinnen, wie sie sich vor Lachen auf den Bauch schlugen. Die Dusendaler saßen hinter dem Tor und schlotterten vor Angst, und der Bürgermeister Tönnchen saß in der Mitte. Die Frau Bürgermeister war auch dabei und sagte: „Tönnchen, ich überlebe es nicht!“

Da kam Frank, der Neffe des Bürgermeister, und was trug er um den Leib gewickelt? Den großen Feuerwehrschlauch.

„Jetzt wollen wir ihnen eine kleine Erfrischung geben!“ rief er lachend. „Platz da! Macht das Tor auf!“

Aber die Dusendaler schrien, das Tor müßte zubleiben; sie würden es nie und nimmer dulden.

Der Bürgermeister aber rief: „Du bist überhaupt an allem Unglück schuld. Wer hat dich geheißen, eine solche Forelle zu fangen?“

Die Dusendaler sahen alle scheel auf Frank und fragten ihn auch, wer es ihn geheißen hätte.

Da rief plötzlich die Frau Tortenbäcker Pastinak:

„Sie kommen! Sie kommen!“ Sie kreischte auf und zeigte auf das Tor, und alle Dusendaler fuhren in die Höhe.

Aber es war nur ein Stück Papier, das die Tubatauer von draußen durch die Torritze schoben. Die Dusendaler griffen danach und machten eine Verbeugung vor dem Papier, solche Ehrfurcht hatten sie. Herr Bürgermeister Tönnchen aber las es vor.

Auf dem Papier stand, daß die Tubatauer es müde wären, zuzusehen, wie die Dusendaler ihnen die Forellen wegschnappten, und es wäre genug und übergenug.

Die Dusendaler müßten von nun an jeden Tag, den Gott werden ließ, jeder eine Sechser zahlen, Kinder die Hälfte. Wenn sie es aber nicht täten, so wollten sie sie alle mit Stumpf und Stiel ausrotten. Der Herr Rupf hatte es selber geschrieben, weil er eine schöne Schrift hatte.

Die Dusendaler sperrten Mund und Ohren auf. Es lief ihnen eiskalt über den Rücken, als sie erfuhren, sie sollten ausgerottet werden. Und sie schrien alle im Chor, sie wollten die Sechser von Herzen gern bezahlen.

Aber Frank, der Neffe des Bürgermeisters, sprang hinzu, nahm das Schreiben und riß es kurz und klein.

Die Dusendaler dachten, sie sollten den Verstand verlieren, als er das kostbare Papier zerriß. „Jetzt sind wir verloren!“ riefen sie. „Unsere armen Frauen und Kinder!“ Und das riefen auch die, die gar keine hatten.

Frau Tönnchen aber lief heimlich hin und holte Papierkleister und klebte die Fetzen hübsch wieder zusammen. Das schrieb der Bürgermeister mit eigener Hand darunter: „Mit Dank genehmigt, Tönnchen“ und steckte das Papier wieder durch die Ritze.

Aber Frank stand da und spuckte auf das Pflaster, so wütend war er.

Die Dusendaler fielen sich gegenseitig um den Hals und umarmten sich vor Freude. „Wir sind gerettet,“ sagten sie. „Nun werden wir nicht ausgerottet.“

Vor dem Tor von Dusendal aber machten die Tubatauer die ganze Nacht hindurch einen Lärm und Gesäge, und es war unheimlich anzuhören.

Die Dusendaler horchten ängstlich hin, aber dann zogen sie sich die Bettdecke über den Kopf und dachten, es würde gewiß zu ihrem Besten dienen.

Am Morgen war alles still; als sie das Tor aufmachten, stand da ein Holzbildwerk, und eine Inschrift hing daran.

Die Dusendaler strömten in hellen Haufen aus der Stadt und besahen das Werk; Frank war auch dabei und Inga, seine Tochter, und sie besahen es auch.

Das Holzwerk stellte ein Weib mit einem offenem Maul vor. Um den Hals trug es eine Tafel, und darauf stand zu lesen:

Verbeug’ dich fein
Tu Geld hinein,
Ich bin die Frau
Von Tubatau.

Innen war das Weib hohl, und es saß ein Mann aus Tubatau darin, der extra dazu angestellt war. Er streckte die Hand aus dem Maul der hölzernen Frau, und die Dusendaler mußten ihren Sechser darauflegen und dabei eine Verbeugung machen, sonst galt es nicht.

Wenn aber die Hand aus dem Holzmaul herausfuhr, dann sah es jedesmal so aus, als streckte das Weib die Zunge heraus.

Das Ganze aber hatte niemand anders ausgeheckt, als die Frau Bürgermeister Rupf in Tubatau.

Die Dusendaler gingen um das Werk herum und bewunderten es. „Es ist außerordentlich künstlich!“ sagten sie. „Es dient unserer Stadt geradezu zur Zierde. Es ist sozusagen eine Sehenswürdigkeit.“ Das sagten sie hauptsächlich, damit der Tubatauer, der darinnen saß, es hören sollte.

 

Und sie machten jeder eine schöne Verbeugung, wie es auf der Inschrift angeordnet war, und legten einen blanken Sechser auf die ausgestreckte Zunge, und manche taten ein übriges und legten zwei darauf.

Aber Frank sagte gar nichts; er nahm einen Anlauf, sprang zu, und krach! lag das ganze Prachtweib auf dem Rücken. Der Mann darin brüllte, als ob er am Spieß steckte; die Sechser flogen dem Holzweib aus dem Maul, und die schöne Tafel mit der Inschrift bekam einen Sprung. Es war eine entsetzliche Geschichte; die Dusendaler schrien auf und hielten sich die Hände vors Gesicht, damit sie nicht sehen müßten, was nun geschah. Denn jetzt kam es.

 Krach! flog drüben in Tubatau das Tor auseinander. Die Tubatauer hatten den ganzen Morgen ihre Nasen an alle Ritzen gedrückt und heimlich hinübergesehen und ihren Spaß daran gehabt, was die Dusendaler der Frau von Tubatau für schöne Verbeugungen machten. Jetzt aber kamen sie herausgerannt, allen voran Herr und Frau Rupf und Eusebius Rupf; dieser hielt sich aber im Hintertreffen.

Die Dusendaler schrien, sie wollten es nicht wieder tun, und sie hätten es gar nicht getan. Die Frau Tönnchen rief: „Ich überlebe es nicht.“ Und sie machte der Frau Rupf einen Knicks und sagte: „Der Eusebius ist ein schöner Knabe.“ Die Frau Rupf aber ließ ihr Schnupftuch fallen, und die Frau Tönnchen hob es ihr auf.

Das tat der Frau Rupf wohl, und sie sprach, es sollte ihnen noch einmal so hingehen, und der Herr Rupf sagte es auch.

Aber der Mann, der in der Holzfrau gesessen hatte, kroch nun heraus und rieb sich das Sitzteil, und die Dusendaler sprangen herbei und halfen die Holzfrau wieder aufzurichten. Der Mann aber zeigte auf Frank und rief: „Der ist es gewesen, und kein anderer, und bezahlt hat er auch noch nicht!“

Frank stand da, er ballte die Fäuste und schrie: „Wer das Schandwerk aufrichtet, ist ein toter Mann. Mit diesen meinen Händen schlage ich ihn tot!“

Die Dusendaler fuhren zurück und ließen das Weib wieder fallen, denn Frank sah nicht aus, als ob er Spaß machte.

„Er ist ein Aufrührer!“ schrien die Tubatauer. „Schlagt ihn zu Boden!“ Aber heran trauten sie sich nicht. Und die Dusendaler riefen: „Er hat die Forelle gefangen, und das Papier hat er auch zerrissen, und er ist an allem schuld!“

Die kleine Inga sah ihren Vater an. Seine Haare flogen im Wind. Er stand ganz allein und war stärker als alle.

Die Frau Rupf aber zischelte dem Herrn Rupf ins Ohr, und er trat hervor und sprach:

„Der Mann muß verbannt werden, und er darf Dusendal nicht betreten, solange die Frau von Tubatau steht.“

„Wir wollen ihn nicht in unserer Stadt haben!“ riefen darauf die Dusendaler. „Er richtet nur Unheil an, und er hat uns sogar mit dem Tod bedroht.“

Inga wußte nicht, was das heißt „verbannen“, aber sie verstand, daß es etwas Böses sein müßte, und sie umschlang ihren Vater und rief, sie sollten ihm nichts tun.

Frank richtete sich auf und sah um sich. Aber da war kein Freund in der ganzen Runde. „Geht nur,“ schrien sie alle, „und nehmt das Mädchen mit!“

Jetzt aber sprang die Frau Bürgermeister Tönnchen vor und sprach: „Das Kind soll hierbleiben; es ist ein gutes Kind und tut gewiß niemand etwas zuleide.“

Da streifte Frank einen Ring vom Finger. Es war der Ring, den Ingas Mutter getragen hatte, die nun tot war. Er beugte sich zu ihr herunter und sagte: „Ich komme wieder, Inga.“

Inga weinte und schluchzte. Und die Dusendaler drückten sich verschüchtert in den Ecken herum.

Als Inga sich umsah, war Frank verschwunden. Aber die Holzfrau von Tubatau stand wie zuvor, und der Herr Tönnchen trat gerade herzu und legte einen Sechser auf ihre Zunge.

 

3. Kapitel.
Eusebius bekommt eine Uniform, doch sie ist ihm zu feucht.

Eusebius Rupf hatte eine einträgliche Beschäftigung. Er trieb sich bei der Holzfrau von Tubatau herum und paßte auf. Wer nun seinen Sechser nicht bei der Hand hatte und sich vorbeidrücken wollte, den erwischte Eusebius sogleich und zeigte ihn an; dann mußte man zur Strafe dreimal so viel bezahlen, und das Geld bekam der Eusebius als Taschengeld.

Inga dachte an ihren Vater, der verbannt war und jetzt in der weiten Welt umherirren mußte. Sie war zornig auf die Dusendaler, die ihn verbannt hatten, aber noch viel zorniger war sie auf die hölzerne Frau vor der Stadt. Sie ging niemals an ihr vorbei und tat keinen Sechser in das hölzerne Maul. Deshalb stand sie auch obenan auf der schwarzen Liste des Eusebius, und er lauerte ihr auf, wenn sie aus der Stadt zu ihrem Lieblingsplatz am Fluß ging; es glückte ihm jedoch nie, sie zu erwischen.

Eines Tages schlenderte er daher mißmutig an der Stadtmauer von Dusendal entlang. Da kam er unversehens an dem Fensterchen der Gemüsewarenhändlerin Teppichweis vorüber, das nach draußen ging. Eusebius wollte gerade verstohlen hineinschielen, ob nicht etwa ein Aepfelkorb griffbereit unter dem Fenster stand. Da wurde das Fenster unversehens aufgestoßen, und er konnte sich gerade noch rechtzeitig an die Mauer hindrücken. Auf dem Fensterbrett erschien ein kleiner Mädchenfuß und Inga, seine Feindin kam mit einem kecken Satz herausgesprungen.

Das war also der Weg, auf dem sie immer ans Flußufer kam. Eusebius stieß ein Triumphgeheul aus und sprang von hinten auf sie los wie eine Katze.

 

„Jetzt hab ich dich!“ rief er und bohrte ihr seine Fingernägel in den Arm. Inga schrie vor Schrecken auf.

„Laß mich los!“ rief sie, aber Eusebius kreischte: „Du hast den Sechser nicht bezahlt. Ich sag es meinem Vater, und dann kommst du ins Gefängnis.“

Da geschah etwas Unerwartetes: Eine Hand fuhr von oben herab auf Eusebius nieder, ergriff ihn am Kragen und hob ihn wie ein Kran in die Höhe.

Eusebius schrie und zappelte in der Luft. Der Kran drehte sich, jetzt schwebte er über dem Graben. Der Kran ließ ihn los. Es klatschte; Schlamm und Dreck spritzten weithin, und Eusebius lag im Graben.

Inga drehte sich herum, um zu sehen, wer sie so plötzlich errettet hatte, und erschrak zu Tode. Vor ihr stand ein Mohr. Blendendweiße Zähne glänzten in dem Schwarz seines Gesichts. Inga hatte noch nie einen Mohren gesehen.

Sie blieb stehen und wußte nicht, was sie sagen sollte. Ihr erster Gedanke war, wegzulaufen. Aber er hatte sie ja gerettet. Hinter dem Mohren stand noch ein Mensch. Es war ein Weißer; ein Herr im Mantel. Ein grauer Bart hing ihm auf die Brust. Sein Mantel schlotterte ihm um die Glieder. Er schlürfte heran und seine Stimme war wie ein Meckern.

„Hihi!“ machte er und griff mit seinen dünnen Fingern nach ihren blonden Haaren. „Hat sich das Püppchen erschreckt? Ist ihr der kühne Ritter, der sie befreit hat, etwa nicht weiß genug, hehe?“

Inga hatte zwar sehr viel Angst, sie gab aber dem Mohren schüchtern die Hand und sagte: „Danke.“

Der alte Mann lachte, bis er sich verschluckte. „Ein liebes Kind,“ meinte er, „benimmt sich wie ein Aefflein aus der besten Gesellschaft. Bei dem Mohren hat das alles gar keinen Zweck, der ist stumm und taub wie ein Stein.“

Inga sah den Mohren mitleidig an. Stumm und taub, dachte sie erschrocken; sie griff in ihre Tasche und holte einen Apfel hervor und gab ihn dem Schwarzen. Der nahm ihn an und lächelte dabei.

Drüben kletterte der Eusebius aus dem Graben. Er war über und über mit Schlamm bedeckt und heulte vor Wut. Er drohte mit der Faust. Der Mohr drehte sich um. Da schwieg er und floh nach Hause wie ein Hund.

Der Alte im Mantel gluckste vor Lachen. „Die Prinzessin wäre befreit!“ krächzte er. „Jetzt käme der zweite Akt. Empfang im Schlosse und Belohnung des kühnen Ritters, he he!“

Inga wunderte sich über den Alten. Wie komisch er redete! „Wenn Sie zu meinem Pflegevater wollen,“ sagte sie schüchtern, „so will ich Sie hinführen.“

„Und welchen hohen Ranges und Standes erfreut sich dieser glückliche Pflegevater Eurer Liebden?“ fragte der Alte meckernd.

„Es ist der Herr Bürgermeister Tönnchen,“ sagte Inga bescheiden.

„Sieh da!“ piepste der Alte befriedigt, „so wäre wir also gleich ins richtige Nest gefallen. Avanti, mein appetitliches Kücken. Wir folgen. Wir tragen dero Niedlichkeit die Schleppe.“

Inga lief voran. Es war ihr ängstlich zu Mut; als sie sich am Tor umwandte, sah sie die Augen des Mohren unverwandt auf ihrem Gesicht haften. Es überlief sie.

 

4. Kapitel.
Der Herr Bürgermeister Rupf streicht es den Dusendalern ganz gehörig an.

Die Stadt Dusendal war so still wie ein Grab. Niemand ging auf den Straßen. Um diese Zeit schlief jedermann. Sogar die Hündchen schienen auf den Zehenspitzen zu gehen, denn Schlafen war die Hauptbeschäftigung der Dusendaler. Schlaf gibt Kraft, sagten sie, nämlich zum Essen, und danach handelten sie.

Der fremde Herr trippelte hinter Inga her und wandte den Kopf bald nach rechts, bald nach links.

„Hübsch!“ sagte er meckernd, „hübsch! hübsch!“ und er las die Inschriften an den Türklinken, auf denen stand: „Bitte nicht stören!“ und „Recht leise, wenn’s gefällig ist!“ und schlug die Hände zusammen vor Vergnügen. „Ueber alles Erwarten!“ sagte er. Und er drehte sich um zu dem Mohren und klopfte ihm auf den Rücken.

„Ein wahres Juwelchen, Hassan!“ kicherte er. „Ein wahres Musterpräparat von einer Stadt. Wie geschaffen für die Operation!“

Aber der Mohr antwortete nicht und sah Inga an, die voranging.

Da waren sie beim Hause des Herrn Tönnchen angelangt. Die Frau Tönnchen steckte den Kopf heraus und legte den Finger an die Lippen.

„Ein fremder Herr ist hier,“ flüsterte Inga aufgeregt, „und ein Mohr ist auch dabei, und er hat mich gerettet.“ Die Frau Tönnchen erschrak und zog den Kopf zurück, denn sie war noch nicht frisiert und in der Nachtjacke.

„Entsetzlich!“ hauchte sie, „jetzt, wo Tönnchen schläft.“

„Schönste Frau!“ rief der Alte im Mantel und schwenkte den Hut. „Eine Audienz bei Seiner Gestrengen; wichtige Dinge bereiten sich vor.“

Der Frau Tönnchen wankten die Knie. Schönste Frau, hatte er gesagt, und sie war noch in den Lockenwicklern, und Tönnchen schlief.

„Theobaldchen!“ rief sie, „ die Stiefel des Herrn Bürgermeisters!“

Aber kein Theobaldchen antwortete. Der Knecht Theobald lag unten in der Küche und schlief, und das Hündchen Timpeteil lag neben ihm und wedelte im Schlaf mit dem Schwanz.

Die Frau Tönnchen band ihren Schal um und weckte den Herrn Bürgermeister und den Knecht Theobald und das Hündchen; aber es war keine leichte Arbeit. - - Ich werde den Tod davon haben, sagte sie zu sich, die ich keine Aufregungen vertragen kann.

In der Gaststube aber saß der fremde Herr, und der Mohr stand in der Tür und sah auf Inga.

Da kam der Herr Bürgermeister. Er hatte den Schlafrock vor dem Leib zusammengefaßt und hielt heimlich die Hand vor den Mund, denn er gähnte.

„Ihr Diener, mein Herr!“ sagte er. „Ihr ergebenster Diener,“ und er gähnte immer noch.

„Der Ihrige!“ rief der Alte. „Ihr Diener und der dieser edlen Stadt der Verdauung. Ich bin der Doktor Kraak aus Afrika.“

„Aus Afrika?“ wiederholte der Bürgermeister erschrocken. „Es ist nicht möglich!“

Der Alte im Mantel zeigte auf den Mohren.

„Zum Zeugnis diene dieses Landesprodukt,“ meckerte er. Der Herr Tönnchen stand auf und machte dem Mohren eine Verbeugung. Aber der Mohr sah ihn stolz an und rührte sich nicht.

Der Bürgermeister setzte sich wieder hin. „Und was ist Ihr Begehren, mein geschätzter Herr?“ fragte er ängstlich.

„Mein Begehren,“ sprach Doktor Kraak und warf sich in die Brust, „ist dies: Ich will diese edle Stadt des Schlummers erwecken, ich will sie zum Licht erheben, will ihr Wohltäter sein.“ Er stand plötzlich auf und sprang auf den Bürgermeister zu. Er faßte ihn beim Knopf und flüsterte ihm ins Ohr: „Ich will Du erleuchten.“

Die Frau Bürgermeisterin stand in der Tür und faltete ängstlich die Hände.

„Tönnchen,“ flüsterte sie, „mir ist so ängstlich!“

„Mit Gas,“ vollendete der Fremde.

„Gas ist giftig,“ jammerte die Frau Bürgermeisterin.

„Mit privilegiertem Sauerwasserstoffgas,“ sagte der Doktor triumphierend.

Die Frau Tönnchen setzte sich auf den Stuhl. „Ich werde es nicht überleben,“ murmelte sie.

„Ich tue es umsonst,“ sagte der Fremde.

Der Bürgermeister hatte sich von seinem Schrecken erholt.

„Das ist verdächtig,“ sagte er. „Es steckt etwas dahinter. Ueberdies ist es eine Neuerung. Wir Dusendaler lieben keine Neuerungen.“

Der Doktor kicherte. „Auch nicht, wenn sie den Appetit vermehrt?“

Der Bürgermeister horchte auf. „Vermehrt sie den Appetit?“ fragte er. „Das wäre allerdings eine wichtige, eine unschätzbare Erfindung, denn wir Dusendaler haben zwar einen gesegneten Appetit und nehmen es darin mit jedem auf. Aber irgendwann ist man doch einmal satt, und das ist dann immer ein rechter Kummer.“

Der Doktor Kraak legte die Hand auf die Brust. „Meine Erfindung,“ sagte er,“ verdoppelt den Appetit, ja, sie verdreifacht ihn.“

„Tönnchen,“ sagte die Bürgermeisterin, „mein rechtes Ohr saust. Ich fühl’s, es gibt ein Unglück.“

„Tschingderatata“ und „Ratatata!“ ging’s draußen los, und der Knecht Theobald kam auf Socken hereingelaufen und war ganz käsebleich.

„Der Herr Bürgermeister von Tubatau kommt,“ sagte er, „er ist schon am Tor.“

„Meine Perücke!“ rief der Bürgermeister, „meine Brille, mein gutes Ausgehrohr!“

Die Frau Tönnchen aber rief: „Es ist mein Tod!“ und sie sank um.

Tschingderatata! ging es draußen.

„Er kommt!“ rief die Bürgermeisterin, „und gerade jetzt! Was ist nur geschehen? Ich überlebe es nicht!“

Das Hündchen Timpeteil kroch unter das Sofa und der Knecht Theobald in den Stall; der Herr Bürgermeister lief hin und her und rief: „Wo ist mein englisches Salz! Ich bin so aufgeregt! Ich stottere! Und gerade jetzt!“ Er lief ans Fenster.

Und da kam der Herr Bürgermeister von Tubatau, und neben ihm stolperte Eusebius, von oben bis unten voller Schlamm; aber hinter ihnen gingen vier Kerle aus Tubatau und hatten Spieße in der Hand und die Aermel schon aufgekrempelt.

Die Dusendaler waren von dem Lärm alle aufgewacht, und sie standen unter der Tür und machten die schönsten Verbeugungen. Aber der Bürgermeister Rupf sah gar nicht nach den Verbeugungen hin. Er war so rot wie gekochter Krebs und murmelte nur immer vor sich hin:

„Ich werde es Euch schon anstreichen! Anstreichen werde ich es Euch!“

„Wo ist der Bürgermeister?“ schrie er, und es hallte ordentlich.

„Hier, Geschätzter und Verehrter,“ rief der Herr Tönnchen und kam aus dem Hause geeilt. „Welche Ehre, welcher Vorzug, welche ungemeine Freude!“

„Ehre?“ schrie Herr Rupf, „Freude? ha! Hier,“ rief er, „seht dieses Kind an, dieses geschändete, unschuldsvolle Kind!“ Und er gab dem Eusebius einen Stoß und drehte ihn herum und zeigte ihn. Eusebius troff.

„Entsetzlich!“ rief Herr Tönnchen. „Das arme, teure Kind! Was ist ihm geschehen?“

„Was ihm geschehen ist, fragt Ihr?“ rief Herr Rupf, „fragt Euer nichtsnutziges Ding von Nichte, diese Drachenbrut, die ich an den Galgen bringen werde.“

Vom Fenster her kam ein Schrei. Frau Tönnchen streckte die Arme aus. „Inga,“ rief sie, „es ist mein Tod!“

„Sie soll es büßen,“ brüllte der Bürgermeister von Tubatau. „So wahr ich Rupf heiße!“ Und er hob sein Rohr und drohte damit.

„Es ist unmöglich,“ rief Herr Tönnchen, „es muß ein Irrtum sein.“

„Ist dies ein Irrtum?“ donnerte Herr Rupf und zeigte auf das Bächlein Schlamm, das um Eusebius floß. „Rede ich Irrtümer?“

„Tönnchen,“ rief die Frau Bürgermeisterin schluchzend, „sage ihm, daß er keine Irrtümer redet!“

„Ein Schandfleck ist sie,“ brüllte Herr Rupf, „und ich werde sie exemplarisch bestr . . . . .“

Aber das Wort blieb ihm im Munde stecken. Aus der Tür trat der Mohr, und er sah schrecklich aus. Seine Augen glühten, und er hatte die Fäuste geballt. Er ging auf den Herrn Bürgermeister zu und blieb dicht vor ihm stehen. Der Herr Rupf sah sich nach den vier Tubatauern um und wich ein wenig zurück.

„Das ist er,“ schrie da Eusebius. „Das ist ihr Helfershelfer, und er hat mich ins Wasser getaucht.“

„Hat er das, mein Püppchen?“ meckerte eine Stimme, und der Mann im Mantel kam hinter dem Mohren zum Vorschein. „Hübsches Kerlchen,“ kicherte er, „nur ein wenig zu feucht, hihi!“

„Das ist der andere,“ rief Eusebius zischend. „Er hat zugesehen und hat es erlaubt!“

„So!“ sagte Herr Rupf zu dem Bürgermeister Tönnchen. „Nicht genug, daß Ihr diese Schlange an Eurem Busen großzieht, Ihr verbergt auch unsere Feinde in Eurem Haus und stiftet Mord und Verschwörung an!“

„Tönnchen!“ rief die Bürgermeisterin. „Sage ihm, daß wir nichts anstiften, und wir kennen den Mann im Mantel gar nicht, und den schwarzen Mann kennen wir erst recht nicht, und das Kind ist nicht unser Kind, sondern wir haben es nur aus Gnade und Barmherzigkeit aufgezogen. Sein Vater war gerade so und mußte verbannt werden.“

Herr Rupf hörte nicht, was die Frau Tönnchen redete.

„Verhaftet sie,“ sagte er zu den vier Tubatauern mit den aufgekrempelten Aermeln und zeigte auf den alten Mann und den Neger. „Werft sie ins Gefängnis!“

„Nein,“ sagte Inga und lief vor und stand vor dem Mohren. „Ihr sollt ihm nichts tun; der Eusebius ist an allem schuld.“

„Verhaftet sie ohne Gnade,“ rief Herr Rupf und stellte sich hinter die vier Kerle.

Aber der Mohr stand da, hatte glühende Augen und hielt die Fäuste geballt.

Die vier Tubatauer sahen den Mohren an und redeten miteinander.

„Wer weiß,“ sagten sie, „vielleicht ist es der leibhaftige Teufel.“

„Nun?“ fragte der Bürgermeister.

„Herr Bürgermeister,“ sagte der eine von den vieren, „Menschen wollen wir gerne verhaften, soviel Euer Gnaden nur wollen. Daran fehlt’s nicht. Aber der Mann da ist nicht geheuer. Er ist schwarz. Am Ende ist er gar nicht aus Fleisch und Blut!“

„Ihr seid Esel!“ schrie der Bürgermeister. „Ich würde ihn mit diesen meinen Händen festnehmen. Aber es ist unter meiner Würde. Ich bin zu vornehm dazu; ich darf es nicht tun. Aber euch werde ich es anstreichen!“ rief er und drehte sich zu den Dusendalern um, die in der Runde standen und zuhörten und den Mund vor lauter Angst offenhielten. Herr Rupf schwoll an und erhob seine Stimme:

„Von heute an zahlt jeder zwei Pfennige mehr an die Frau von Tubatau, Kinder zahlen einen Pfennig. Ich will es euch anstreichen!“

Die Dusendaler dachten an ihre schönen Pfennige, aber sie sagten keinen Mucks, solche Angst hatten sie vor dem Herrn Rupf.

Der Herr im Mantel aber meckerte: „Hübsch, hübsch! Ein Bildchen für Götter! Aber der Hauptakt kommt noch!“

„Tönnchen!“ rief die Bürgermeisterin, „verbanne diesen Menschen, er ist unheimlich und unehrerbietig gegen den Herrn Bürgermeister Rupf. Und den Mohr auch; ich habe Angst vor ihnen. Sag’ ihnen, sie sollen weggehen!“

Der Herr Tönnchen sagte es ihnen.

Der alte Herr lachte. „Geduld! Geduld! Nichts überstürzen!“ Er kicherte und verbeugte sich bis zur Erde. „Ade, meine Schöne!“ meckerte er und winkte Inga zu. „Wie sehen uns wieder. Und auch das Herrchen da in seiner hübschen Uniform“ - - und er tippte auf den Eusebius in seinem Schlamm und kicherte. Dann hüpfte er davon, und der Mohr ging hinter ihm her.

Aber der Herr Bürgermeister Rupf drehte sich befriedigt um, und der Eusebius und die vier Kerle drehten sich auch um, und sie gingen davon und machten viel Lärm dabei.

„Ich werde es euch anstreichen!“ sagte der Herr Rupf noch einmal, ehe er unter dem Tor verschwand. Vor dem Hause des Herrn Tönnchen aber wurde es leer; nur da, wo Eusebius gestanden hatte, war ein nasser Fleck.

 

5. Kapitel.
Was der Herr Tortenbäcker Pastinak erlebte.

Vor der Stadt Dusendal lag eine alte Fabrik. Frank, der Neffe des Bürgermeisters, hatte sie gebaut, um darin zu arbeiten, als er noch in Dusendal wohnte. Aber Frank war verbannt. Niemand wußte, wohin, und in der Fabrik standen die Behälter herum, und die Drähte lagen da, wie sie verlassen worden waren; die Mäuse hausten in den Tiegeln und Röhren, und wenn man an dem Hause vorüberging, raschelte es darin recht unheimlich.

Eines Tages ging der Tortenbäcker Pastinak aus Dusendal an dem Ort vorüber. Es war schon spät, und er beeilte sich, vorbeizukommen.

Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Er hörte Stimmen aus der Fabrik. Man sprach darin. Herr Pastinak erschrak heftig. Sein erster Gedanke war, davonzulaufen. Gewiß waren es schlechte Menschen, am Ende gar Diebe. Und er lief. Aber plötzlich blieb er stehen.

Ein schrecklicher Verdacht kam ihm. Gewiß hatten die schlechten Kerle, während er von Dusendal entfernt war, bei ihm eingebrochen und zählten jetzt die Taler. Der Zufall spielt oft so. Der Herr Pastinak schlich hinzu und lugte vorsichtig durch eines der Fabrikfenster. Ein Lichtschein drang hindurch.

Der Tortenbäcker hätte beinahe vor Staunen laut aufgeschrien; in dem Zimmer saß der geheimnisvolle Doktor mit einer gewaltigen Lupe und sah hindurch. Vor ihm aber, in einem Glasbehälter, hockte eine Katze, die so groß war, wie man sie in Dusendal noch niemals gesehen hatte. Sie schillerte tückisch mit ihren Augen und wölbte ihren Buckel.

Im Dunkel stand noch ein Mensch, aber er drehte den Rücken, und der Tortenbäcker konnte ihn nicht erkennen. Gewiß war es der schreckliche Mohr.

Der Doktor drehte an einem Hahn, der in den Behälter führte, und die Katze schnurrte wie ein Spinnrad. Es war, als würde sie größer und immer größer.

Der Doktor stieß ein zufriedenes Grunzen aus und neckte die Katze; sie hob blitzschnell die Tatzen, fauchte und schlug vor Wut gegen das Glas; es war, als sprühten Funken aus ihren Augen. Der Doktor kicherte. „Gut so! Gut so!“ Er erhob sich und watschelte händereibend umher, um die Katze besser zu sehen. „Der erste Teil des Versuches ist gelungen,“ kicherte er. „Ei, ei, wie das Tönnchen von Bürgermeister hüpfen wird, wenn wir unsre herrliche Gasbeleuchtung in die Stadt legen werden! Es wird ein Spaß werden für die Götter, ein wahres Labsal!“

Der andre, der im Dunkeln stand, kam jetzt ins Licht. Es war gar nicht der Mohr, sondern ein stattlicher Herr; er trat zu dem Behälter und griff nach dem Hebel.

„Laßt es genug sein, Doktor,“ sagte er. „Wozu die Quälerei!“

„Quälerei?“ zeterte der Alte, „was seid ihr für ein Fisch, daß euch dergleichen nicht ergötzt? Was wollt ihr Rührmichnichtan erst sagen, wenn die Stadt anfängt zu tanzen? Wenn ich die ganze Gesellschaft in meine Krallen bekomme?“ Und er fuhr mit den Händen in die Luft. Dem Tortenbäcker draußen fuhr es eiskalt über den Rücken.

Der andere runzelte die Stirn. „Noch ist es nicht so weit!“ murmelte er.

Der Alte sprang auf. „Was?“ schrie er giftig. „Wollt Ihr etwa zurück? Wollt Ihr mich um die Früchte meiner Arbeit betrügen?“

Der andre zuckte mit den Schultern.

„Ich habe Euern Vertrag,“ zischte der Alte. „Ich habe Eure Unterschrift, Narr, der Ihr seid. Ich bin stärker als Ihr. Es kostet mich nur ein Wort und - - - -“

„Ssst!“ sagte der Große. „Ich habe es Euch versprochen. Sorgt nur, Daß kein Unheil geschieht!“

„Unheil?“ zeterte der Alte. „Was geht das uns an? Wenn nur das Experiment gelingt. Fragte man auch die Kaninchen und die Frösche und Mäuse um Erlaubnis, ehe man ihnen im Interesse der Wissenschaft das Fell über die Ohren zieht? Unheil, sagt Ihr? Im Interesse der Wissenschaft gibt es kein Unheil, höchstens - -“ er kicherte, „ein erfreuliches Unheil, ein spaßhaftes Unheil!“

Der andere öffnete den Behälter. Die Katze war mit einem Sprung auf dem Rand des Glases. Sie duckte sich zusammen. Ihre Augen schossen Blitze. Der Tortenbäcker stieß einen Schrei aus. Es war ein Leopard, ein Tiger. Bei dem Geräusch fuhr das Tier herum, ein Satz - - und es sprang durchs Fenster. Prasselnd stürzten die Scheiben zu Boden.

 

Der Tortenbäcker prallte zurück und hielt die Hände vor das Gesicht. Aber es war zu spät. Das furchtbare Tier sprang ihn an. Der Ruck warf ihn zu Boden. Tödliche Krallen drangen in sein Fleisch. Er sah sein letztes Stündlein gekommen.

„Ei, ei!“ kicherte da eine Stimme. „Noch so spät ein Besuch? Welche Ehre! Will der Herr in mein Studio eintreten? Er soll bewirtet werden!“ Und ein gräßliches Gelächter erscholl vom Fenster.

Der Tortenbäcker richtete sich auf. Wo war der Tiger? Er betastete sich. Nichts war ihm geschehen. Er hob den Kopf. In dem offenen Fenster lehnte eine Gestalt, der Bart des Alten flatterte, seine Brillengläser funkelten in der Nacht. Neben der Gestalt aber, den Buckel gekrümmt, schnurrend, saß das Tier. Kein Leopard war es; eine Katze, eine gewöhnliche Katze, die sich leckte.

Der Tortenbäcker fuhr sich über die Augen. Hatte er geträumt? War es ein Spuk gewesen?

„Vielleicht ist eine Beleuchtung gefällig?“ meckerte der Alte im Fenster. „Ein Pröbchen des köstlichen Sauerstoffgases, das so helle brennt wie zwanzigtausend Kerzen und noch zwei dazu. Damit der Herr seine Straße findet zu der ehrsamen, tugendhaften Stadt Dusendal!“

Er wandte sich um und griff hinter sich, und zisch! ksss! schoß eine ungeheure Flamme, wie aus der Hölle herausgeschleudert, fürchterlich blau und grün hinter ihm in die Höhe, leckte auf, taghell die Nacht erleuchtend, und war verschwunden.

Dem Tortenbäcker wankten die Knie. Der Mund stand ihm offen.

„Nun, was sagt der Herr zu dem Pröbchen?“ wieherte der Alte. „Ein hübsches Laternchen, nicht wahr?“

Der Tortenbäcker entfloh mehr tot als lebendig. Er stolperte, er stürzte, er raffte sich auf. Hinter ihm scholl das Gelächter des Alten. Als er am Tor war, drehte er sich um. Die Fabrik lag im Dunkel wie zuvor. Kein Fenster war erhellt. Keine Katze, kein Doktor war zu sehen.

Der Tortenbäcker schlug ein Kreuz in die Luft. In Dusendal lag alles im Schlaf, aber der Tortenbäcker schlug so laut gegen das Tor, daß man es in ganz Dusendal hörte. „In der Fabrik ist es nicht geheuer!“ rief er. „Es spukt. Ich habe es selbst gesehen!“

Die Dusendaler fuhren aus ihren Betten und steckten die Köpfe aus dem Fenster.

„Wo spukt es?“ riefen sie ängstlich. „Wo ist es nicht geheuer?“

„In der Fabrik!“ rief der Tortenbäcker und schlotterte. „Es sieht blau und grün aus, und ein Tiger ist auch dabei!“

„Hu!“ sagten die Dusendaler. „Es läuft einem ja kalt den Rücken hinunter; wir wollen nichts davon hören. Man schläft sonst vor Angst die ganze Nacht nicht!“ Und sie zogen die Nachtmützen über die Ohren und sagten „scht!“ Nun war es, als wäre nichts geschehen.

Am nächsten Morgen war ganz Dusendal auf den Beinen. Man steckte die Köpfe zusammen, und die Hausfrauen ließen sogar das Essen anbrennen. „Die Stadt ist in Gefahr!“ sagten sie. „Der Herr Tortenbäcker Pastinak hat es gesagt, und er hat es selbst gesehen.“

Um den Tortenbäcker aber war eine ganze Wolke von Menschen, und er erzählte, daß ihnen das Fell über die Ohren gezogen werden sollte.

Die Dusendaler riefen, sie würden es nicht zulassen; man würde etwas dagegen tun.

Der Bürgermeister Tönnchen lief ganz erschrocken herum.

„Auch das noch!“ rief er. „Am Ende wollen sie gar, daß ich hingehe!“

„Tönnchen!“ schluchzte die Bürgermeisterin und umarmte ihn. „Das können sie nicht wollen!“

„Doch!“ rief der Bürgermeister. „Sie wollen es. Ich habe es gehört, wie sie sagen: Tönnchen muß hin!“

„Dann muß wenigstens die Feuerwehr mit und dich beschützen!“ rief die Frau Tönnchen.

Aber die Feuerwehr wollte nicht, denn im großen Schlauch hatte die Katze der Frau Brandmeisterin gerade einen Wurf Junge. Sie hatten alle weiße Pfötchen und einen weißen Fleck auf dem Rücken.

 

Die Frau Bürgermeisterin ging auf den Markt zu dem Herrn Stadtschutzmann Bullertorf und erzählte es ihm. Der Schutzmann Bullertorf saß gerade und trank ein Schälchen Kaffee; aber als er gehört hatte, was im Werke war, schnallte er den Säbel um und holte die große Feuerleiter und ging mit der Bürgermeisterin. Denn es war ja sein Amt. Alle Dusendaler sagten, es sei ein rechter Segen, daß der Herr Bullertorf noch nicht im Ruhestand sei: sonst wäre niemand da gewesen, um dem Herrn Bürgermeister zur Seite zu stehen. Und sie ließen den Herrn Bürgermeister hoch leben und sagten alle, sie gingen auch mit, aber nicht bis ganz heran.

 

6. Kapitel.
Was hinter der Tür des Doktors zu sehen war.

Während dies alles geschah, saß Inge im Garten neben der alten Pumpernickel, ihrer Kinderfrau, und sah zu, wie sie strickte.

„Pumpernickel,“ sagte sie,“ glaubst du, daß mein Papa wiederkommt?“

Die alte Frau zählte bedachtsam die Maschen. „Das kann niemand wissen,“ sagte sie dann. „Aber,“ fügte sie geheimnisvoll hinzu, „wenn man eine Blume pflanzt, die schon geblüht hat, und den richtigen Spruch darüber sagt und sie drei Nächte lang im Mondschein begießt, dann blüht die Blume von neuem, und der Wunsch geht in Erfüllung.“

„Was für eine Blume muß ich pflanzen,“ fragte Inga, damit mein Papa zurückkommt?“

„Eine Männerblume,“ sagte die alte Pumpernickel, „einen Rittersporn. Du mußt dazu sprechen:

Blume blau,
Sei mir treu!
Kommt der Tau,
Blüh’ aufs neu!

Und das Liebste, was du hast, mußt du an der Wurzel vergraben.“

„Das Liebste, was ich habe?“ sagte Inga. „Das bist du und Timpeteil.“ Und sie gab der Alten einen Kuß. „Muß ich euch nun an dem Rittersporn vergraben?“

„Nein,“ sagte die Alte, „es darf nichts Lebendes sein.“

„Dann weiß ich es,“ sagte Inga.

„Pumpernickel!“ rief da der Knecht Theobald. „Du sollst der Frau Bürgermeisterin ihre gefütterten Ausgehschuhe anwärmen, denn die Frau Bürgermeisterin fährt fort.“

„So?“ fragte Pumpernickel, „wo fährt sie denn hin?“

„Sie fährt mit dem Herrn Bürgermeister,“ rief Theobald atemlos, „die ganze Stadt geht mit; denn in der Fabrik sitzt der fremde Doktor und der Mohr, die wollen sie ausräuchern. Bullertorf geht auch mit!“

Inga saß einen Augenblick wie erstarrt. Dann sprang sie auf und lief Hals über Kopf davon.

„Inga,“ rief die alte Pumpernickel, „wo willst du hin?“

Aber Inga hörte nicht mehr. Wohin lief sie? Zur Fabrik. „Sie sollen ihnen nichts tun,“ dachte sie, „denn der Mohr hat mich ja davor gerettet, daß ich der Frau von Tubatau eine Verbeugung machen mußte.“ Und sie lief, was sie konnte.

Vor der Fabrik war alles still. Inga pochte angstvoll ans Tor. Bei dem Geräusch tat sich eine Tür auf, und der Doktor Kraak stand auf der Schwelle.

„Das schöne Fräulein!“ meckerte er. „Was beliebt dero Niedlichkeit? Hereinspaziert und eine Nase voll Luft eingenommen! Es ist das Beste, was wir anzubieten haben.“ Er öffnete die Tür weit. Inga stand auf der Schwelle und schlug die Hände zusammen. „O,“ sagte sie entzückt, „die schönen Blumen!“ Auf dem Tisch standen Töpfe mit Blumen, wie sie Inga nie gesehen hatte. Was für Blumen waren das! Riesengroße Häupter trugen sie, so groß wie Wagenräder; es war, als bebten sie, und ein Duft strömte von ihnen aus, süß und betäubend, wie von tausend wundersamen Gärten. Ueber den Rand der Gänseblume kroch ein Marienkäferchen, aber es war so groß wie eine Faust, und Inge stieß einen Schrei aus, so wunderlich erschien es ihr.

„Herein! Herein!“ drängte der Alte. „Die kostbare Luft verströmt, wenn die Tür offen steht. Herein, mein blasses Fräulein, ins Paradies, wo man Farbe bekommt und Blut in die Adern!“

Inga tat einen schüchternen Schritt. Da packte sie jemand bei der Hand und riß sie zurück. Der Mohr stand da. Sein Gesichtwar düster. Der Alte lachte. „Immer der gleiche,“ kicherte er. „Muß immer überall dazwischen pfuschen. Hätte dem naseweisen Blümchen nichts geschadet, ein Näschen Luft zu nehmen.“

Der Mohr schlug die Tür zu, hinter der die seltsamen Blumen blühten. Und in dem schwarzen Gesicht glühten seine Augen vor Zorn. Der Herr im Mantel aber hatte plötzlich seine Lustigkeit verloren.

„Was soll’s?“ fragte er grämlich und sah Inga über die Brille an. „Sie kommen!“ sagte Inga eingeschüchtert. Es war ihr plötzlich so wunderlich zu Mut. Etwas wie eine Betäubung hatte sie ergriffen. „Die ganze Stadt kommt; sie wollen euch von hier vertreiben.“

Da geschah etwas Merkwürdiges. Statt erschrocken oder zornig zu sein, Wie Inga es erwartet hatte, machte der Alte einen wahren Luftsprung vor Freude.

„Wahr?“ schrie er. „Redet das hübsche Kindchen die Wahrheit? Darf man daran glauben?“ Inga nickte. Es war ihr, als drehte sich alles. Nur das eine fühlte sie, der Mohr hielt ihre Hand. Eine kühle, feste Hand. Daran klammerte sie sich. „So wäre es also erreicht. Das Netz zieht sich über ihren Köpfen zusammen!“ schrie der Alte. Plötzlich sprang er auf Inga zu und drängte sie zurück nach draußen. „Fort jetzt mit dem Kind,“ zischte er. „Habe keine Zeit für Faxerei! Geh’ nach Hause, Wurm! Wir haben zu tun. Es drängt. Jede Minute ist kostbar. Sie kommen, sagst du? Hassan, das Ventil auf! Fünfzig Prozent Sauerstoff werden genügen! Als Anfang!“ Er schlug sich auf die Knie und meckerte. „Sie sollen kommen; wir werden bereit sein, dero Gnaden von Dusendal zu empfangen!“

Der Mohr zog Inga hinaus. Draußen schien die Sonne, kühle Luft strich über die Felder, und Inga war es, als erwachte sie aus einem bösen Traum. Eine Hand fuhr ihr über die Stirn. Sie wandte sich um. Aber der Mohr war fort, sie war allein. Das Herz klopfte ihr. Tränen drangen ihr in die Augen, und sie lief davon, so schnell ihre Füße sie trugen.

 

7. Kapitel.
Herr Tönnchen bekommt Appetit.

Die Dusendaler waren noch mitten in den Vorbereitungen. Für den Herrn Bürgermeister und die Frau Bürgermeisterin wurde das Wägelchen angeschirrt, und zwei kleine Esel davorgespannt, denn der Bürgermeister hätte sein Leben um die Welt nicht einem Pferde anvertraut. Hatte man nicht gelesen, daß Pferde durchgehen könnten? Die beiden Grauchen, die Hippel und Pippel heißen, gingen nicht durch, sie waren froh, wenn sie im Stall liegen und schlafen durften, und auch heute waren sie tief betrübt, weil man sie daraus hervorgezogen hatte.

Alle Dusendaler standen dabei und gaben ihnen Zucker, als man sie anschirrte, „Nur sachte! Nur sachte!“ riefen sie ängstlich, als Theobaldchen ihnen die Geschirre auflegte. „Gewiß, es sind gute Tierchen, Dusendaler Zucht, und es ist mit ihnen noch nie etwas passiert, aber wer kann alles vorher wissen!“

„Wird es auch keinen Regen geben?“ fragte die Frau Bürgermeisterin. „Oder gar Sturm?“

Aber das Barometer zeigte auf Schönes Wetter, und Sturm hatte es in Dusendal überhaupt noch nie gegeben. Höchstens ein Windchen.

Endlich ging die Reise los. „Theobaldchen,“ rief der Bürgermeister, „fahre sachte! Wirf nicht um! Laßt die Tierchen auch ausruhen, wenn sie wollen.“

Theobald ließ die Peitsche knallen, ein klein wenig nur. „Er ist tollkühn,“ sagten die Dusendaler, „er knallt mit der Peitsche. Er wird die Tiere scheu machen.“ Und sie hielten sich respektvoll in gehöriger Entfernung hinter dem Wagen.

Die Fabrik lag ganz friedlich in der Sonne da. Eine Katze saß schnurrend auf dem Fensterbrett.

„Das ist gerade das Verdächtige,“ sagte die Bürgermeisterin, „sieh dich vor, Tönnchen! Ich bin auf das Schlimmste gefaßt.“

Da ging die Tür auf. Der fremde Doktor stand auf der Schwelle und hatte Filzpantoffel an den Füßen und rauchte Pfeife.

„Guten Morgen!“ meckerte er. „Ergebensten guten Morgen! Wie wär’s mit einem kleinen Frühstück, he, he?“ Er dienerte und paffte der Frau Tönnchen eine dicke Wolke ins Gesicht.

Der Bürgermeister wischte sich die Stirn. Ein Frühstück, dachte er, wäre wohl nicht übel. Man hat danach mehr Kraft und ist mutiger.

„Keinesfalls!“ sagte die Frau Bürgermeisterin zornig. O, sie konnte das Tabakrauchen nicht leiden. „Tönnchen, ich warne dich!“

„Ein wenig kalten Braten,“ kicherte der Doktor, „ein wenig Sülze, ein Weinchen, um den Leib zu wärmen - -?“

„Sülze,“ sagte der Bürgermeister, „ich liebe Braten mit Sülze sehr.“

„Tönnchen,“ rief die Bürgermeisterin erschrocken. Aber der Bürgermeister stieg schon die Stufen hinauf.

„Ich bekomme nämlich nie Sülze,“ sagte er zu dem fremdem Doktor, „meine Frau liebt Sülze nicht.“

Frau Tönnchen stieg mit zitternden Knien aus dem Wagen.

Das mit der Sülze war nicht wahr. Sie weinte beinahe. So ein Mann! dachte sie. Vor allen Leuten! Und sie stieg die Stufen hinter dem Herrn Bürgermeister her.

„Bleibt hier!“ sagte sie zu den Dusendalern, „haltet euch bereit. Ich will ihn mit meinem Leib decken. Ich weiß, was ich ihm schuldig bin.“ Damit verschwand sie in der Fabrik.

Drinnen stand ein herrlicher Tisch, gedeckt mit vielen guten Dingen. „Ei,“ sagte der Bürgermeister fröhlich, „das ist ein hübscher nahrhafter Anblick. Er setzte sich gleich hin und band eine Serviette um. Die Frau Tönnchen aber setzte sich nur auf eine Stuhlkante und sah sich ängstlich um. Jeden Augenblick dachte sie: Jetzt kommt’s!

Zisch! machte es da an der Wand; eine große Luke öffnete sich wie von selbst, und es wehte ein leiser Wind herein.

„Was ist das für ein Geräusch?“ fragte die Bürgermeisterin ängstlich. Da tat sich die Tür auf; der Mohr trat herein.

Ein düsteres Lächeln lag auf seinem Gesicht. Er gab dem Doktor einen Wink und wies nach der Wand. Auf einer Schaltertafel zuckte ein Zeiger und fuhr hin und her, bis er auf der Zahl Fünfzig still stand.

Der Doktor hüpfte von seinem Stuhl. „Es ist gut!“ kicherte er. „Es ist herrlich!“ Es sprang um den Tisch herum wie ein Affe, der sich freut, so daß er greulich anzusehen war. Der Frau Bürgermeisterin überlief es.

„Was ist gut?“ fragte sie ängstlich. „Was ist herrlich?“

„Die Luft!“ sagte der Doktor, „die gute Luft, meine ehrenswerte Dame, meine kostbare Madame! Die Luft, he, he! Der Balsam, der Segenspender!“

„Entsetzlich!“ murmelte die Frau Bürgermeisterin, „dieser Mensch führt Böses im Schilde.“ Sie stieß den Bürgermeister unter dem Tisch an und zwinkerte mit den Augen. Aber der Bürgermeister aß.

„Herrlich!“ rief er. „Ich habe einen Appetit! Ich bin wie neugeboren.“

„Merkwürdig!“ sagte Frau Tönnchen plötzlich. „Ich bekomme auch Hunger!“

Ohne zu fragen, zog sie ein Hühnchen zu sich heran und aß davon.

„Was hast du mit dem Hühnchen vor?“ rief der Bürgermeister. „Ich wollte es essen. Gib es her!“

„Du hast genug!“ erwiderte die Bürgermeisterin ganz zornig. „Du ißt überhaupt zu viel.“

Aber der Bürgermeister stach mit der Gabel herüber und nahm das Hühnchen; es war, als hätte er jeden Anstand verloren: er ließ Gabel und Messer liegen, wo sie lagen, und biß mit den Zähnen in das Hühnchen, daß es knackte.

„Tönnchen!“ schrie die Bürgermeisterin wütend, „her mit dem Hühnchen, oder ich vergesse mich!“

„Still!“ donnerte der Bürgermeister. „Ruhe, wenn ich speise. Ich bin der Herr im Hause,“ und er aß das Hühnchen mit drei Bissen auf. Weg war es.

Die Bürgermeisterin schlug mit der Faust auf den Tisch. „Zu essen!“ rief sie, als wäre sie im Wirtshaus. Der Doktor aber sprang kichernd von seinem Stuhl und hüpfte durchs Zimmer und trug ein ganzes Spanferkel heran. Und die Frau Bürgermeisterin aß es auf, als wäre es ein Taubenflügel.

Der Bürgermeister lachte und warf seinen Stuhl um.

„Ich fühle mich so froh, so frei,“ rief er, faßte die dicke Frau Tönnchen um die Taille und hob sie hoch wie eine Feder. „Jetzt wollen wir tanzen,“ sagte er, und er schwenkte sie herum und stapfte den Takt mit den Füßen dazu.

Draußen aber standen die Dusendaler und sahen, wie der Bürgermeister mit der Frau Bürgermeisterin am Fenster vorbeiwalzte.

„Er ist verrückt geworden!“ riefen sie ängstlich. „Der Doktor hat ihn behext. Seht nur, wie sie springen. Er ist geradezu gegen den Anstand.“

Der Bürgermeister umarmte den Doktor.

„Mein lieber Doktor,“ sagte er, „ich bin Euer Freund. Dusendal rechnet es sich zur Ehre an, daß Ihr uns besucht habt. Sagtet Ihr nicht, daß Ihr eine Erfindung gemacht hättet? Was für ein herrliche Erfindung muß das sein! Wir wollen diese kapitale Erfindung besehen!“ Und sie gingen hin und besahen sie.

 

8. Kapitel.
Der Bürgermeister Tönnchen wird ein Tyrann, und die Bürgermeisterin droht mit der Faust.

In dem Nebenraum, den sie jetzt betraten, standen riesige Behälter aus Glas. Drähte führten hindurch und die Behälter waren bis an den Rand mit Wasser gefüllt.

„Dieses Wasser,“ meckerte der Doktor, „ist ganz und gar kein gewöhnliches Wasser, es ist gesalzen und hübsch präpariert, he, he! Und ein Griff an diesem Hebelchen schickt ihm ein elektrisches Strömchen sozusagen in die Knochen, he! he! he! Und das brave Wasser platzt vor Schreck über das Strömchen auseinander und sondert zweierlei aus: den Wasserstoff und den Sauerstoff!“ Er zeigte auf einen der Behälter. „Da herein sperre ich den Wasserstoff. Aber das andere Stöffchen, das sperre ich hier hinein!“ Er schlug auf einen anderen Behälter. „Das ist ein wenig stürmischer. Das ist der kostbare Sauerstoff. Er möchte sich gern mit dem Wasserstöffchen verbinden, aber das darf nicht sein. Es möchte sonst ein Malheurchen geben. Nur wenn sich die beiden Schmachtenden in meinem herrlichen, Leuchtgasbrenner treffen, wo sie vereint und doch getrennt nebeneinander seufzen, dann gibt es mein unerreichtes Gas, das so hell brennt wie zwölfhundert und dreiundsiebzig Kerzen auf einem Fleck zusammen.“

„Ein Staatskerl ist er!“ rief der Bürgermeister und klopfte dem Doktor auf die Schulter. „Ein wahrer Tausensasa!“ sagte Frau Tönnchen und klopfte ihm zur Gesellschaft auch auf den Rücken.

„Wenn aber das Sauerstöffchen nicht artig ist,“ plapperte der Doktor, “wenn das liebe Kind allein durch die Röhren geht - -“

„Nun?“ fragte Herr Tönnchen, „was dann?“

„Dann,“ kicherte der Doktor und krümmte sich vor Vergnügen, „dann, meine Verehrungswürdigen, gibt es, hihi! allerseits einige kleine Veränderungen, haha!“

„Ha! Ha!“ lachte der Bürgermeister. „Gibt es das? Das ist ein wahrer Daus von einem Sauerstoff,“ und sie lachten, daß die Dusendaler draußen erschrocken nach dem Himmel sahen, weil sie meinten es donnerte.

„Tönnchen!“ rief die Frau Bürgermeisterin, „diese Erfindung müssen wir haben. Laß sie einführen!“

„Ich lasse sie einführen!“ schrie der Bürgermeister. „So wahr ich Tönnchen heiße!“

„Allerdings,“ meckerte der Doktor, „ müssen die Bürgerlein ein Tröpfchen Schweiß daran setzen. Sie müssen hübsch graben, Röhrlein legen. Sich regen bringt Segen,“ kicherte er.

„Mit Vergnügen werden sie sie legen,“ schrie der Bürgermeister. „Es wird ihnen eine Ehre sein!“ Er schwenkte sein Glas. „Ich will eine Rede an meine lieben Dusendaler halten.“ Er ging ans Fenster und schrie:

„Liebe Dusendaler! Der Doktor Kraak ist mein Freund. Er ist der Ruhm unserer Stadt. Er hat eine Erindung gemacht. Dusendal rechnet es sich zur Ehre an, diese Erfindung einzuführen. Dusendal wird von nun an hell sein, es wird an der Spitze der Welt marschieren. Es wird seine Feinde unter seinen Absätzen zertreten. Dusendal hoch! hoch! hoch!“

Die Dusendaler sperrten die Augen und Münder auf.

„Der Doktor Kraak lebe hoch!“ schrie der Bürgermeister. Aber keiner antwortete draußen. Es war so still wie in der Kirche.

„Was?“ brüllte der Bürgermeister. „Ihr widersetzt euch? Bin ich nicht euer Oberhaupt? Seid ihr mir nicht Gehorsam schuldig?“

„Aber der Herr Bürgermeister Rupf hat es verboten,“ sagte einer schüchtern.

„Was?“ schrie der Bürgermeister, „Rupf? Wer ist Rupf? Hier befiehlt Tönnchen. Verstanden?“

„Jawohl, Herr Bürgermeister!“ riefen alle erschrocken.

„Heute wird noch angefangen!“ schrie der Bürgermeister. „Mein Freund, der berühmte Doktor kommandiert. Wehe, wenn einer nicht pariert. Ich lasse ihn in Ketten werfen. Ich lasse ihn auf Brot und Wasser setzen.“

Den Dusendalern floß der Angstschweiß über die Gesichter.

„Ja, Herr Bürgermeister,“ schrien sie, „wir wollen ja alles tun!“

„Dann seid ihr wieder meine braven Dusendaler!“ rief der Bürgermeister versöhnt.

„Aber heute wird noch angefangen!“ schrie die Frau Bürgermeisterin dazu. Die Dusendaler duckten sich und wagten nicht, muck zu sagen, so eingeschüchtert waren sie.

„Ha!“ rief der Bürgermeister, das hat wohlgetan!“ Er goß sich noch ein Gläschen ein, und die Frau Bürgermeisterin trank auch noch eins.

„Nun lebe wohl, alter Freund!“ sagte der Bürgermeister zum Doktor und schlug ihn dabei auf die Schulter.

Als er aber vor der Tür war, und den Wagen mit den zwei Grauchen sah, lachte er und rief:

„Haltet ihr mich für einen Sack Mehl, daß ich mich von Eseln nach Hause schleppen ließe?“ Und er stieß den Herrn Bullertorf zur Seite und sprang auf das Pferd des Schutzmanns; der Gaul war ganz erschrocken, denn der Bürgermeister hatte ihm einen tüchtigen Tritt mit dem Absatz gegeben und nun sprengte er dahin; die Dusendaler folgten ihm und waren noch immer wie vom Blitz getroffen.

Aber abends, als der Bürgermeister im Bett lag und die Bürgermeisterin ihre Locken wickelte, sagte er:

„Euphrosine! (so hieß die Bürgermeisterin) Euphrosine, mir ist, als ob ich heute einen schrecklichen Traum gehabt hätte.“

„Mir ist es auch so,“ rief die Bürgermeisterin, „und du hast die Erfindung engeführt.“

„ Euphrosine!“ rief der Bürgermeister erschrocken, „es ist nicht möglich! Es muß ein Traum sein!“

Aber nein, von der Straße erscholl eine meckernde Stimme. Es schnaufte und stöhnte, als ob viele Menschen sich bemühten. Der Bürgermeister stürzte ans Fenster und riß es auf. Unten brannten Fackeln.

„Was ist los? Wo brennt es?“ rief er ängstlich.

„Es brennt nicht,“ sagte eine Stimme, „aber die gefährliche Gasleitung wird gelegt, die Herr Bürgermeister befohlen hat.“

Der Bürgermeister taumelte zurück. Er fiel auf das Bett und stöhnte.

„Tönnchen,“ rief die Bürgermeisterin erschrocken, „es ist also wahr?“

Aber der Bürgermeister rührte sich nicht. Alles war ihm mit einem Male klar. Er hatte vor allem Volk die Gasleitung, die entsetzliche, befohlen, und jetzt wurde sie gelegt.

„Euphrosine,“ stotterte er, „was wird er Herr Bürgermeister Rupf dazu sagen?“

 

9. Kapitel.
Ein Stiefel fliegt aus dem Fenster, und die Frau Pastinak fällt in Ohnmacht.

Die Dusendaler arbeiteten, daß ihnen der Schweiß herunterlief. Sie wollten nicht gerne eingesperrt und in Ketten gelegt werden. Der fremde Doktor aber fuhr zwischen ihnen herum und meckerte, und wenn einer heimlich den Spaten hinstellte oder die Hacke, so war er gleich hinter ihm. „Hurtig! sagte er. „Lustig! lustig!“ Und er piekte ihn mit seinem Stöckchen.

Am Morgen war die Leitung zum Bürgermeister gelegt. Krach! fuhr das Rohr durch die Wand. Die Bürgermeisterin sprang in die Höhe.

„Tönnchen!“ rief sie, „die Leitung!“ Sie mußte sich hinsetzen, so zitterte ihr die Knie.

Der Bürgermeister sah auch auf das Rohr, und die Augen standen ihm heraus; es Grauste ihm.

Da ging die Tür auf, ein Kopf fuhr herein. „Gesegneten Morgen, meine Geschätztesten!“ kicherte eine Stimme; es war der Doktor. „Der erste Schritt zur Vollendung ist getan,“ zischte er. „Der Effekt soll sogleich dero Riechorgan umschmeicheln.“ Er lachte meckernd und fort war er.

„Tönnchen,“ sagte die Frau Bürgermeisterin, „diesmal überlebe ich es nicht.“

Herr Tönnchen zog die Schlafhaube über die Ohren. „Wer schläft, sündigt nicht,“ sagte er und legte sich wieder zu Bett.

In der Fabrik aber stand der Doktor Kraak und rieb sich die Hände. „Ein glorreicher Tag,“ meckerte er. „Es lebe die Wissenschaft!“ Hassan, der Mohr, warf einen Blick aus dem Fenster. Die Stadt Dusendal lag friedlich zwischen den grünen Hügeln. Es war, als ob er seufzte. „Auf! Das Ventil!“ zischte der Doktor, und Hassans Hand fuhr langsam an den Hebel.

Zisch! ging es im Hause des Bürgermeisters, und die Frau Bürgermeisterin fuhr vor Schrecken aus den Pantoffeln.

„Tönnchen,“ rief sie, „Das entsetzliche Gas!“

Aber der Bürgermeister lag und schlief und atmete ein. „Herrlich!“ sagte er im Schlaf, „ ich möchte aufs Pferd steigen, und in die wilde Schlacht fliegen.“ In diesem Augenblick setzte sich eine Fliege auf seine Nase. „Hatschi!“ machte er und wachte auf. Er sah um sich.

„Was? Ich liege im Bett?“ rief er „ich, ein Mann in den besten Jahren!“ Damit sprang er hoch und fuhr in die Stiefel.

„Das ist ja ein herrliches Wetterchen!“ rief er, „hoffentlich haben diese Halunken Dampf gemacht mit der Leitung.“

Die Bürgermeisterin wollte sagen, „Tönnchen, du erkältest dich!“ Aber statt dessen rief sie: „Es wird höchste Zeit, daß du was Vernünftiges tust! Dieses Herumliegen paßt mir schon lange nicht.“ Und sie gab dem Hündchen Timpetei, das auch im Bett lag, einen Puff und schrie:

„Hinaus mit dir, du Hundeseele, deinesgleichen gehört in den Hof und nicht in ein menschliches Bett!“ Aber das Hündchen Timpeteil, statt sich mit eingezogenem Schwanz unter das Bett zu verkriechen, machte „wau“ und fletschte die Zähne.

„O du elendes Vieh!“ schrie sie und schlug nach ihm, und Timpeteil bellte, ja brüllte wie ein Löwe.

Die Dusendaler blieben auf der Straße stehen; das Haar sträubte sich ihnen auf dem Kopf. War es erhört, daß in Dusendal ein Hund bellte? Hatte man je in Dusendal einen Menschen rufen hören?

Jetzt entstand im Hause des Bürgermeisters ein Getöse. Krach! ging es, die Tür flog auf; heraus schoß das Hündchen Timpeteil, ein Stuhl flog hinterher; die Frau Bürgermeisterin erschien auf der Schwelle; sie hatte den Stiefel des Herrn Bürgermeister in der Hand und schrie:

„Elendes Geschöpf, ich will dich lehren!“ damit schleuderte sie den Stiefel des Bürgermeisters dem Hündchen nach. Aber der Stiefel flog dem Posamentenbesatzverkäufer Zierlein gegen den Hut und zerbeulte ihn; und der Herr Zierlein fiel vor Schreck um und lag in Ohnmacht, Das Hündchen Timpeteil aber war plötzlich ganz ruhig und bellte nicht mehr. Es saß ganz still auf seinem Fleck, machte schön und sah ganz verwundert aus.

Der Bürgermeister indessen suchte oben den Stiefel, konnte ihn nicht finden und geriet in Wut. Deshalb schrie er zum Fenster hinaus, die Stadtvorsteher sollten sich flugs herbeischeren, und wenn sie nicht gleich kämen, würde er sie an ihren Nasen herbeiziehen.

Dies waren seine Ausdrücke! Er würde sie an den Nasen herbeiziehen! hatte er geschrien. Nein, nie seit Dusendal stand, waren dergleichen Ausdrücke gefallen. Nie seit Dusendal bestand, hatte einer aus dem Fenster geschrien. Die Stadtvorsteher kamen zitternd an. Einer drängte den andern vor. Sie hielten ihre Schnupftücher in der Hand; die Tränen standen ihnen in den Augen; irgend etwas mußte diesen schrecklichen Bürgermeister doch rühren.

 

„Herein mit euch!“ donnerte der Bürgermeister. „Ich fress’ euch nicht, dazu seid ihr mir viel zu sauer, ihr Heringe!“ (So sagte er!) Die Herren mit ihren Sacktüchern kamen schlotternd herein. Aber was war das! Der Polizeimeister Bullertorf, der am meisten Angst gehabt hatte, ging plötzlich auf den Bürgermeister zu und drückte ihm die Hand. (Dem Bürgermeister, was doch ganz unschicklich war!)

„Na, Tönnchen,“ sagte er, „was hast du auf dem Herzen? Herunter damit!“ Die andern waren sprachlos. „Aber Bullertorf!“ wollten sie rufen, „du verstößt ja gegen den guten Ton!“ Aber statt dessen sagten sie wie Bullertorf: „Herunter damit! Du kommst uns gerade recht!“ und dergleichen mehr. Statt höflich an der Tür stehen zu bleiben, wie es üblich war, warfen sie sich auf das gute Sofa und legten die Beine übereinander, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und schrien einer immer lauter als der andere.

Und nun berieten sie. Zwischendurch schrie der Bürgermeister die Treppe hinunter nach Bier und Tabak. Theobald mußte fortlaufen und einkaufen, denn es war nichts im Hause. Der Bürgermeister durfte sonst nicht rauchen, weil es den Gardinen schadete. Aber diesmal sagte die Bürgermeisterin nichts dazu; sie schrie Theobaldchen sogar an, ob er noch nicht wieder da sei! Und Theobald selbst war ganz konfus und wußte nicht, wie ihm geschah; er rannte gegen einen Pfosten und drohte dem Pfosten und schrie die Frau Bürgermeisterin an und sagte, er hätte es satt, er wäre zu etwas Besseren geboren.

Aber als er auf der Straße war, faßte er sich an den Kopf, er war ganz erschrocken und schlich sich sanft die Häuser entlang; und als er im Tabakladen den Tabak verlangte, wurde er ganz verlegen und sagte, der Tabak sei zum Auslaugen, damit es niemand wissen sollte, daß beim Herrn Bürgermeister geraucht wurde.

Oben aber beim Bürgermeister schrien sie sich an. „Du bist an allem schuld, Tönnchen!“ schnauzte der Tortenbäcker Pastinak, „du bist eine Suppenterrine, aber kein Stadtoberhaupt. Dafür brauchen wir einen gewandten Mann wie mich!“ - - „Wie dich?“ lachte der Kleidermacher Kniff, „hat man je so etwas gehört? Du Leckermaul willst wohl die Stadt vom Backofen aus regieren? Der geeignete Mann bin ich und kein anderer!“ Darüber lachten nun wieder die übrigen ganz abscheulich und so beschuldigten sie sich hin und her.

Aber der Bürgermeister schrie am lautesten, und deshalb behielt er Recht. Es wurde beschlossen, daß Dusendal eine Weltstadt werden sollte. Der Tortenbäcker Pastinak und der Kleidermacher Kniff sollten sogleich alles Nötige dazu in die Wege leiten. Zum Schluß umarmten sie sich alle und schwuren sich gegenseitig Freundschaft bis ans Grab.

Nun, das war ja so weit alles ganz gut und schön. Aber als die Herren auf die Straße kamen, wo alles totenstill war, und an allen Türen „Ssssssst“ und „Bitte, recht leise“ zu lesen stand, da wurde ihnen plötzlich ganz anders zumute; sie sahen sich ganz erschrocken an und schoben sich an den Wänden entlang und wußten nicht, wie ihnen geschehen war. Als sie nach Hause kamen, da roch die Frau Pastinak an dem Herrn Pastinak den Tabak und fiel in Ohnmacht. Und die Frau Kniff fand im Rock des Herrn Kniff einen Bierfleck und bekam vor Schreck Migräne. So ging es überall. Die Herrn Stadtvorsteher saßen jeder in seinem Hause auf seinem Stuhl und kratzte sich hinter dem Ohr und dachten nach, was denn eigentlich geschehen war. Plötzlich fiel ihnen ein, daß sie geschworen hatten, Dusendal sollte Weltstadt werden; als sie das dachten, wurden sie ganz bleich vor Schreck über solche Vermessenheit, und sie krochen aus lauter Angst ins Bett.

Ja, so ging es in Dusendal her. Aber es sollte noch viel schlimmer kommen.

 

10. Kapitel.
Ein Stummer, der redet.

Die Dusendaler schliefen in dieser Nacht schlecht. Es war, als ob tausend geheimnisvolle Geräusche in der Luft lägen. Die Bürgermeisterin fuhr einmal in die Höhe. Knirschte nicht unten das Gartenpförtchen? Sie lauschte. Aber es blieb alles still, und sie schlief wieder ein.

Inga stand im Gärtchen. Sie horchte ängstlich zurück, ob sich im Hause nichts regte. Dann atmete sie auf. Der Mond stand voll am Himmel, und alle Blumen zeichneten sich scharf von der Erde ab.

Inga ging vorsichtig über den Kiesweg in die äußerste Ecke des Gartens. In der Hand hielt sie eine Pflanze. Es war der Rittersporn, von dem die alte Pumpernickel gesprochen hatte. Inga hatte den halben Tag danach gesucht. In ganz Dusendal war die Pflanze des Mutes nicht zu finden gewesen. Aber an dieser Stelle hatte sie doch gestanden, am Ufer des Flüßchens, an der Stelle, an der Inga einst neben dem Vater gesessen hatte, als er die Forelle fing, die herrliche Forelle, die alles Unheil angerichtet hatte.

Inga ergriff ihren kleinen Spaten und grub ein Loch. Es war ganz hinten im Garten, wo niemand hinkam. Hier sollte der Rittersporn wachsen, ungestört von Menschenblicken und Menschenhänden; hier sollte er erblühen und ihr den Vater wiederbringen. Als das Loch fertig war, griff sie nach dem Kettchen, das sie am Halse trug, und zog es heraus. Es blitzte golden im Mondlicht. An der Kette hing ein Ring, ein zierlicher Ring, bestimmt für eine Frauenhand. Es war der Ring, den ihr der Vater gegeben hatte, als die Dusendaler ihn verbannten.

„Das Liebste, was du hast,“ hatte die alte Pumpernickel gesagt. Der Ring war Ingas Liebstes.

Da fiel ein Schatten über den Weg. Inga fuhr in die Höhe. Eine dunkle Gestalt stand draußen am Zaun und sah stumm in den Garten.

Inga wollte schreien, da wandte die Gestalt das Gesicht, der Mond beschien es. Es war der Mohr, ihr Beschützer.

Ingas Schreck war verschwunden. Sie legte den Finger an die Lippen und zeigte auf das Haus; der Mohr lächelte.

Er sah auf die Pflanze, die sie noch in der Hand hielt, und sah den Ring.

„Ich muß ihn vergraben,“ sagte Inga. „Dann blüht die Blume, und wenn die Blume blüht, kommt mein Papa wieder.“

Der Mohr schwieg, und Inga dachte beschämt, daß er sie nicht hören könnte. Er war ja taub, der Arme.

Sie machte leise das Pförtchen auf und ließ ihn ein. Dann kniete sie hin und pflanzte den Rittersporn in die Erde.

„Blümlein blau,
Sei mir treu.
Kommt der Tau,
Blüh’ aufs neu!“

betete sie. Sie nahm den Ring, schob ihn zwischen die Wurzeln und häufte Erde darauf. Der Mohr kniete neben ihr und half.

„Ob sie wohl blühen wird?“ fragte sie.

Der Mohr lächelte und nickte. Hatte er verstanden? Hatte er gehört, was sie sprach? Oder nickte er nur, weil er ihr etwas Freundliches antun wollte?

Er nahm ihre Hand und hielt sie. Inga dachte daran, daß sie nun aufstehen und ins Haus gehen müßte, wo alles schlief. Aber es schien ihr so schön, hier im stillen Garten unter dem Mond zu knien. Und auch, daß der Mohr ihre Hand hielt, war schön und geheimnisvoll.

„Nun muß ich gehen,“ sagte sie. „Gute Nacht.“ Wieder hatte sie vergessen, daß er sie nicht hören und verstehen konnte. Sie drückte seine Hand und hielt sie an ihre Wange.

„Gute Nacht,“ sagte der Mohr leise. Die Stimme war weich und gut, sie tönte ihr noch nach, als sie schon lange wieder in ihrem Bett lag. „Gute Nacht,“ sagte sie leise vor sich hin, als ob sie es dem fremden Mann sagte.

Plötzlich fiel ihr ein: War denn der Mohr nicht stumm?

 

11. Kapitel.
Eusebius will andern eine Grube graben.

Eusebius lag im Bett und hatte Schnupfen. Den hatte er bekommen, weil er im Schlamm gelegen hatte. Die Frau Rupf aber saß am Bett und machte ihm warme Umschläge.

Eusebius wäre viel lieber aufgestanden, denn nun konnte er ja nicht aufpassen, ob die Dusendaler auch richtig ihre Heller in die Holzfrau legten, und er selbst kam um sein schönes Taschengeld.

Aber er durfte nicht mucksen, denn die Frau Rupf saß neben ihm und paßte auf.

Da trat der Bürgermeister Rupf ins Zimmer und war ganz außer Atem, und sein Freund, der Herr Hauptmann Böllerschuß, war bei ihm und schwitzte vor Aufregung.

„Es ist gewiß wahr?“ sagte er, „ich habe es mit eigenen Augen gesehen.“

„Was ist gewiß wahr?“ fragte Frau Rupf.

„Die Dusendaler bekommen eine Gasbeleuchtung,“ rief der Bürgermeister, „und Tubatau hat keine.“

Frau Rupf rückte an ihrer Haube und sagte nichts. Aber man sah, wie es sie wurmte.

„Der schwarze Teufel ist mit im Spiel,“ erzählte der Hauptmann, „und der Alte mit der Brille hat es eingefädelt,“

„Das ist der, der mich ins Wasser getaucht hat,“ sagte Eusebius und nieste in seinem Bett.

„Sie sollen ihr Wesen in der Fabrik treiben,“ sagte Herr Rupf geheimnisvoll, „es soll dort nicht geheuer sein.“

Die Frau Rupf stand auf. „Das ist ein dummer Schnack,“ sagte sie, „ehe ich es nicht mit eigenen Augen gesehen habe, glaube ich nicht daran. Und morgen gehe ich hin und sehe es mir an.“

Damit ließ sie die beiden stehen, ging in die Küche und bügelte sich das Band an ihrer Sonntagshaube auf. Denn sie wollte in Dusendal Staat machen.

Eusebius aber lag in seinem Bett und hatte seine eigenen Gedanken.

Sobald die Frau Rupf aus der Tür war und die Herren Rupf und Böllerschuß sich hinwegbegeben hatten, stieg er hastig aus dem Bett, legte die warmen Umschläge und alles übrige hübsch hinein, so daß die Bettdecke sich ordentlich darüber wölbte, zog sich an und schlüpfte aus dem Hause.

Eusebius hatte das Schlammbad nicht vergessen. Nun wollte er es dem Mohren und dem alten Mann, der über ihn gelacht hatte, mit Zinsen heimzahlen.

Er lief an den Häusern entlang. Es war schon dämmerig; niemand gab auf ihn acht. Er lief durch das Stadttor und am Flüßchen entlang zur Fabrik. Das Herz klopfte ihm, aber vor Freude. „Ich werde ihnen ihre Erfindung schon kurz und klein schlagen,“ dachte er, „und die Mutter wird mich noch obendrein dafür loben.“

Als er an der Fabrik ankam, war es dunkel. Er schlich hinter einem Zaun näher. Plötzlich warf er sich lang auf den Bauch. Er hatte Schritte gehört. Zwei Männer kamen im Gespräch heran. Eusebius hörte den einen sagen:

„Es ist genug. Hört auf! Was ich wollte, wird doch nicht erreicht.“

Eine kichernde Stimme antwortete: „Geduld, mein Lieber, die Wissenschaft verlangt es, he, he, he.“

Der Erste sagte: „Redet nicht von der Wissenschaft. Sie hat mit Euren teuflischen Experimenten nichts gemeinsam.“

„Dummes Zeug,“ erwiderte krächzend der andere, „die Wissenschaft wird nach diesen Erfahrungen aufschwellen wie eine Gans, die man nudelt, he, he! Wir nudeln sie mit fetten Erkenntnissen.“

„Ihr werdet alle diese Menschen auf dem Gewissen haben,“ sagte die erste Stimme ernst. „Werde ich das?“ plapperte der andere. „Nun, dort ist Platz, mein Geschätzter. Ich wollte, ich hätte sie alle in der Retorte, he, he!“

„Wozu das?“ fragte die erste Stimme.

„Wozu? Um mich zu ergötzen. He, he! Wollt Ihr mir nicht zum Exempel das Püppchen verschaffen, das Ding mit der Stupsnase? Wäre ein Staatspräparat, hi, hi. Ein wahrer Braten für die hohe Wissenschaft.“

„Ihr seid wahnsinnig,“ erwiderte der erste. „Hütet Euch!“

 

Der andere fing an zu lachen. Es klang wie das Kollern eines Truthahns. Die Stimmen entfernten sich. Eusebius verstand nichts mehr.

Er stand vorsichtig auf. Teufelskünste, hatte der eine gesagt!

Eusebius überlegt einen Augenblick, ob er nicht vielleicht umkehren sollte. Es fror ihn plötzlich. Aber die Gelegenheit war günstig. Die Fabrik lag dunkel da. Niemand schien darin zu sein. Vielleicht brauchte man nur einen Griff abzubrechen oder ein Gefäß umzustoßen, und der Zweck war erreicht. Die Dusendaler bekamen die Gasbeleuchtung nicht, über die die Eltern sich so erbost hatten, und der Alte und der Mohr mußten von vorne anfangen.

Eusebius hüpfte das Herz, wenn er an den Schabernack dachte, den er den beiden spielen wollte. Er vergaß alle Furcht. Ein Türchen stand offen, er schlüpfte hinein.

Tiefes Dunkel umfing ihn. Er tastete sich an den Wänden entlang, bog um eine Ecke und stolperte über eine Schwelle. Ueberall war Dunkel, Stille, hallende Leere. Plötzlich ertönte das Geräusch eines Schrittes. Eusebius erschrak. Er drückte sich leise an den Wänden hin, aber der Schritt näherte sich. Es war ein schlürfender, lauernder Schritt. Eusebius schauderte und tastete nach einem Gegenstand, um sich dahinter zu verbergen. Da glitt der Halt hinweg, und etwas stürzte klirrend zu Boden; ein Tier kreischte auf, streifte ihn mit seinen Flügeln und flatterte gegen die Decke.

Eusebius stürzte vorwärts; der schlürfende Schritt hinter ihm verwandelte sich in ein Laufen und kam heran - - Eusebius fand in seiner Angst eine Treppe, sprang hinauf, tastete herum. War hier keine Tür, keine <0x00D6>ffnung? Er riß an einem Griff. Die Wand gab nach. Ein rundes Loch öffnete sich, und er stürzte hindurch. Aber da war kein Boden mehr. Er schrie auf, griff mit den Händen in die Luft und fiel hinab.

Schritte näherten sich, eine Tür wurde geöffnet, Licht fiel herein.

Eusebius sah blinzelnd auf. Wo war er? Er lag auf einem dicken Polster von Laub, Gemüse und Pflanzen aller Art. Eine sonderbare kreisrunde Wand umgab ihn.

Der Eintretende kam heran. Eusebius sah ihn nicht klar. Die sonderbare Wand war dazwischen. Es war Glas, gebogenes Glas. Er sah nur ein spitzeckiges Gesicht, einen grauen Bart, eine Brille.

Es war der unheimliche Doktor. Er machte Licht. Ein Staunen malte sich auf seinem Gesicht, dann eine Freude, eine entsetzliche Freude. „Was ist das?“ rief er krächzend. „Hat sich eine Ratte gefangen? Hat der Himmel mir diese Ausgeburt von einem Gelbschnabel eigens geschickt, um sie zu präparieren?“

Er hüpfte um den Glasbehälter herum, er kicherte, er pfiff durch die Zähne.

„Komm her, Püppchen,“ meckerte er, „du sollst es gut haben. Ich will dich so präparieren, daß du denken sollst, du bist deine eigene Prachtausgabe!“

Er öffnete ein Türchen, das in den Behälter führte, und streckte den Arm hinein.

Eusebius schrie auf.

 

12. Kapitel.
Weshalb das Känguruh Karussell fahren durfte.

Die geheimnisvolle Gasleitung war fertig gelegt. Straßen auf, Straßen ab standen die Laternen in Reih und Glied. Nun sollten sie eingeweiht werden. Dazu ergab sich eine herrliche Gelegenheit. Alljährlich nämlich fand in Dusendal ein Fest statt. Die Dusendaler feierten an diesem Tag die Gründung von Dusendal. Schon Wochen vorher wurden dureden die Vorbereitungen getroffen. Die Väter ließen ihre Zylinderhüte aufbügeln. Die Mütter nähten neue Bänder auf ihre Hauben, und die jungen Fräulein bekamen blütenweiße Gewänder, damit sie beim Festzuge recht feierlich aussehen möchten. Auf die kleinen Knaben wurde nicht soviel Mühe verwendet. Sie bekamen nur das Versprechen, daß sie Karussel fahren durften, falls sie sich bis dahin vorzüglich aufführen würden. Allerdings durften sie auch dann nur einmal herumfahren, weil es sonst schädlich war. Wenigstens behaupteten es die Dusendaler. Aber die Jungen von Dusendal wollten auch gar nicht mehr. Sie waren so wohlerzogen, daß sie keinen Schritt ohne Erlaubnis taten und am liebsten in der Schule saßen und lernten. Niemals hörte man in Dusendal ein Kindergeschrei oder eine Balgerei. Hand in Hand gingen die Kinder über die Straße, und wenn ein Erwachsener vorbeikam, so sagten sie „guten Morgen“ und nahmen die Mützen ab.

Der Tag des Festes war gekommen. Alle Dusendaler versammelten sich auf dem Markt und waren geschmückt; selbst die Hündchen hatten neue Schleifen um den Hals. Sie saßen neben ihren Herren und wagten kein Glied zu rühren, aus Furcht, sie möchten ihren Putz beschädigen.

Die Musikanten standen in einer Ecke und hatten Schnupftücher um ihre Instrumente gebunden, damit es recht gedämpft klingen sollte.

Da kam der Herr Bürgermeister Tönnchen aus seinem Hause geschritten. Neben ihm ging die Frau Bürgermeisterin, und das Hündchen Timpetei hielt sich dazu und machte ein würdevolles Gesicht.

Der Bürgermeister war in sanfter Stimmung und grüßte jedermann liebreich und herablassend. Denn merkwürdig, so wild er zu Hause sein mochte, auf der Straße benahm er sich ganz und gar wie früher, und niemand konnte ihm etwas anmerken.

Jetzt hatte er die Versammlung erreicht. Die Trompeter bliesen einen Tusch, aber sanft, damit die Nerven der Damen nicht belästigt würden, und die Hündchen standen auf und machten schön. Die Tochter des Herrn Tortenbäckers Pastinak aber, mit Namen Röschen, trat hervor und überreichte dem Herrn Bürgermeister auf seidenem Kissen eine riesengroße Wurst. Dazu sprach sie den Vers:

Dem Haupt der Stadt,
Dem großen Mann,
Beut
(sic!) Dusendal hier,
Was es kann.

Kurz, es ging festlich und erhaben in Dusendal her. Zur gleichen Stunde aber, da Röschen Pastinak die Wurst überreichte, fand in der Fabrik ein Wortwechsel statt zwischen dem Doktor und seinem Mohren.

„Wir sind soweit,“ krähte der Doktor und zog sie Uhr. „Es ist zehn Uhr. Sie sind alle zusammen auf einem Fleck. Jetzt wollen wir das Experiment machen, jetzt soll die große Erfindung gekrönt werden. Stellt den Zeiger auf hundert, wir wollen ihnen gleich eine gehörige Ladung von meinem lieben Sauerstoff versetzen. Sie denken, sie bekommen Licht. Statt dessen bekommen sie eine andere Erleuchtung, he, he! Aus den Lämmern Löwen machen! Ist das nicht ein Kunststück, wie es die Welt noch nicht gesehen hat?“

Der Mohr zuckte die Achseln.

„Wenn Euer Sauerstoff, der jetzt auf die Laternen geschickt werden soll, bessere Menschen aus ihnen macht, wie Ihr sagt, so will ich Euch meinen Verdacht abbitten. Wenn er sie aber zu Narren macht, die weder Ehre noch Schande kennen, dann habt Ihr zum letzten Mal experimentiert.“

Der Doktor sah ihn böse an. „Ihr wäret imstande, meine ganze Arbeit zu vernichten,“ zischte er. „Ihr liebt die Wissenschaft nicht.“

„Ich liebe die Menschen,“ sagte der Mohr, „trotz allem.“

„Genug des Geschwätzes,“ schalt der Doktor, „hier befehle ich, und Ihr habt mir Gehorsam gelobt. Sämtliche Ventile auf! Und nun, Sauerstoff, du herrliches Elixier der Luft, du Wundertäter, tu deine Pflicht!“

Der Mohr drehte Hahn um Hahn auf. Es zischte und brauste in den Röhren.

In diesem Augenblick schlug in Dusendal die Kirchturmuhr zehn Schläge.

Eben streckte auf dem Marktplatz der Bürgermeister die Hand nach der prachtvollen Wurst aus, da ging in sonderbares Geräusch über den Markt. Es war wie ein Blasen oder Zischen; ein Luftzug hob die Bänder an den Kleidern und wehte frisch um die Nasen der Dusendaler. Merkwürdig, dachten alle, es ist doch gar nicht windig, und kein Wölkchen am Himmel zu sehen, und dennoch weht es so wunderlich. Und es durchschauerte sie alle. Die Hündchen hoben erstaunt die Nasen und schnupperten in der Luft herum und strichen um die Gaslaternen, als wenn der Luftzug von daher käme. Aber das war doch nicht möglich! Jedenfalls standen sie alle ganz unschuldig da, und man konnte ihnen nicht da mindeste anmerken.

Da geschah etwas Unerwartetes. Das Hündchen Timpeteil sprang plötzlich auf, reckte sich, rollte die Augen, und ehe sich jemand dessen versah, machte es einen gewaltigen Satz gegen das Röschen Pastinak, erschnappte die Wurst auf dem Kissen und rannte davon.

Die Dusendaler waren außer sich vor Schrecken. Hatte man je in Dusendal so etwas gesehen?

Der Bürgermeister schrie: „Ha, wenn ich dich kriege, ich freß dich!“ Und man wußte nicht, meinte er das Hündchen oder die Wurst. Die Musiker bliesen, um den peinlichen Vorfall zu überdecken. Sie rissen die Schnupftücher von den Instrumenten und füllten ihre Backen mit Luft, als sollten sie eine Schlachtmusik herausblasen; und nun kam eine Musik, daß man meinen konnte, die Instrumente müßten platzen und die in der Nähe stehenden müßten von dem Geschmetter auf den Rücken fallen. Aber Wunder über Wunder! Die Damen von Dusendal, die doch so zarte Gehörnerven hatten, daß sie ohnmächtig wurden wenn in ihrer Nähe geniest wurde, die Damen lächelten wohlgefällig und wiegten sich, als wollten sie gleich lostanzen. Die Stadtväter schmunzelten und scharrten mit der Sohle auf dem Pflaster wie die Vollblutrenner, ehe sie losgallopieren dürfen. Und die Fräulein, die dazu auserlesen waren, den Reigen in den Engelsgewändern abzuschreiten, machten plötzlich gar keine Umstände, faßten sich um und flogen im Walzer dahin wie die Blätter im Wirbelwind. Sie drehten sich so schnell um den Marktbrunnen und die geheimnisvollen Gaslaternen herum, daß es war, als ob der ganze Marktplatz schwindlig geworden wäre.

Nun hielten es auch die Herren Stadtväter nicht mehr aus. Sie warfen ihre Zylinder in die Luft, sprangen auf das Kinderkarussel und setzten es in Schwung, daß es nur so herumsauste wie ein Kreisel. Als das die Kinder sahen, die bis dahin ordentlich in Reih und Glied gestanden hatten, da kam die unerklärliche Wildheit auch über sie; sie brüllten wie die jungen Löwen und schwangen sich wie im Flug auf das rasende Karussell. Sie erstürmten die Pfefferkuchenbude der Witwe Liebesherz und die Bonbonauslage des Herrn Pastinak und hatten im Nu alles so kahl gefressen, als ob ein feindliches Regiment darüber hingebraust wäre.

Die ehrsamen Stadtmütter aber hängten ihre Hauben und Pompadours und Riechbeutel an den nächsten Mauerhaken und tanzten auf den Pflastersteinen herum, daß der ganze Marktplatz ins Schüttern geriet. Es war unglaublich, wie sie sich aufführten. Alle Sittsamkeit und Ehrbarkeit war mit einem Schlage vergessen. Die alte Aepfelfrau, die immer so ehrerbietig am Stadtbrunnen gesessen hatte und jedesmal einen Knicks machte, wenn die Frau Bürgermeisterin vorüberging, lief jetzt stracks auf den Herrn Bürgermeister zu und wollte mit ihm Polka tanzen, und der Herr Posamentenbesatzhändler Zierlein, der immer Gummischuhe anzog, wenn er am Stadtbrunnen vorbeiging, weil er meinte, der Wind triebe doch ab und zu ein Tröpflein herüber, der Herr Zierlein sprang plötzlich mir nichts dir nichts auf die Wäscheleine der Frau Pastinak und wollte seiltanzen.

 

Aber das war noch keineswegs alles.

Die Ziege der Gemüsehändlerin Teppichweis riß sich von ihrem Pflock los, sprang mit entsetzlichem Gemecker auf das Fensterbrett bei Pastinaks und fraß sämtliche Blumenstöcke kahl. Die Pferde des Herrn Kutschenvermieters Stulpendanz erinnerten sich mit einem Male daran, daß sie früher im Zirkus angestellt gewesen waren, erhoben sich urplötzlich auf die Hinterbeine und gingen auf dem Marktplatz herum; als sie davon genug hatten, ließen sie sich auf die Vorderbeine nieder und schlugen im Takt der Musik nach hinten aus, so daß man sich vorsehen mußte, wenn man an ihnen vorbeiging.

Und immer noch nicht genug der Wunder! Zwischen den Pflastersteinen wuchs das Gras sichtlich in die Höhe, als triebe es eine geheimnisvolle Kraft über seine natürliche Form hinaus; es wurde üppig und wogte wie ein Aehrenfeld. Die Bäume in den Alleen trieben faustdicke Knospen; sie überzogen sich mit Laubgewölben wie urwaldriesen, und ihre Zweige fingen an, bis auf den Bogen herunterzuhängen.

Im Zoologischen Garten aber, wo das Känguruh den ganzen Tag Tränen vergoß, weil es nicht in Australien war, und wo der Affe Peperl aus lauter Langeweile seine Gitterstäbe durcheinander dividierte, im Zoologischen Garten brach eine förmliche Revolution aus. Der Affe packte die Gitterstäbe mit einem Griff, drückte sie zusammen, als ob sie Papier wären, und sprang hinüber zu dem Känguruh, machte ihm höflich die Tür auf und reichte ihm den Arm. Ja, er wischte ihm sogar die Tränen ab. Das Känguruh dachte, jetzt ginge es nach Australien; es sprang mit einem Satz über das Gitter und der Affe hinter ihm her. Aber vorher ließ er noch sämtliche Meerschweinchen und weißen Mäuse heraus und vor allem den Igel Igittigitt, der sofort nach dem Markt lief, weil er schon lange neugierig war, was denn da los wäre.

Nun wurde es erst ganz toll. Die Dusendaler kreischten vor Freude, als sie das Känguruh sahen, uns sie fütterten es mit Pfeffernüssen, daß es ganz selig wurde, und ließen es Karussel fahren. Der Affe Peperl setzte sich die Haube der Bürgermeisterin auf, die am Brunnenhaken hing, nahm ihren Sonnenknicker und ihren Federfächer und ging auf der Brunnenröhre spazieren und fächelte sich. Alle Leute schrien: „Seht die Frau Bürgermeisterin!“

Die Meerschweinchen dagegen hopsten vor lauter Uebermut in die Zylinderhüte und spielten Tunnel, die weißen Mäuse gingen aufrecht spazieren und trugen die Schwänze unter dem Arm, so frech wurden sie, aber der Igel Igittigitt spießte sämtliche Aepfel auf, die in dem Korb der Aepfelfrau waren, und lief herum und bot sie den Herrschaften an.

So ging es an diesem Tag in Dusendal zu.

Aber als es gerade am tollsten war, da tat sich plötzlich das Tor auf, und wer kam hereinspaziert? - - Der Herr Bürgermeister Rupf und die Frau Rupf aus Tubatau.

 

13. Kapitel.
Der Herr Rupf wird mit Zucker bestreut, und die Erde tut sich auf.

Die Frau Rupf machte vor lauter Erstaunen über das, was sie sah, den Mund ganz weit auf, und der Herr Rupf tat es auch.

Aber dann setzte er sein allerstrengstes Gesicht auf, denn jetzt erblickten ihn die Dusendaler, und nun würden sie ja bestimmt vor lauter Angst ganz Mucksmäuschenstill werden. Und die Frau Rupf ließ schon zum Voraus ihr Schnupftuch fallen, damit die Frau Tönnchen herbeieilen und es ihr aufheben sollte.

Aber was war das? Nichts von alledem geschah. Die Dusendaler stutzten einen Augenblick, als sie den gefürchteten Herrn Rupf erblickten, aber dann brach ein ungeheures Gebrüll los. „Rupf ist da!“ schrien sie. „Rupft den Rupf!“

Herr Rupf bekam eine roten Kopf. Denn so etwas hatte ihm noch niemand geboten.

„Das werde ich euch aber anstreichen!“ rief er und kollerte wie ein Truthahn vor Aufregung.

„Anstreichen!“ jauchzten die Dusendaler. „Rupf wird angestrichen!“

Und ehe er sich’s versah, hatten sie ihn gepackt und trugen ihn hoch in der Luft herum, daß er dachte, er sollte fliegen lernen. Plötzlich aber ließen sie los, und klitsch! fiel er in das Sirupfaß der Witwe Teppichweis.

„Hilfe!“ schrie Frau Rupf, „sie ermorden ihn! Sie ermorden Rupf!“ Sie rang die Hände, daß alle Finger in den Gelenken knackten, und wurde vor Zorn so gelb wie Emmentaler Käse.

Aber dem Herrn Rupf geschah nichts, außer dem Sirup. Der allerdings klebte.

„Jetzt muß er Karussel fahren!“ riefen die nichtsnutzigen Dusendaler und tanzten vor Vergnügen wie die Siouxindianer. „Jetzt kann er nicht herunterfallen!“ Darin hatten sie recht. Als Herr Rupf mit vieler Mühe auf den Holzlöwen gesetzt war, saß er da so sicher, als wäre er festgeleimt. Das Känguruh, das bekanntlich den Sirup außerordentlich liebt, ließ es sich nicht nehmen, den Platz neben Herrn Rupf zu besetzen, und während das Karussel herumsauste, leckte es den Sirup von dem Bürgermeister ab.

Der Affe aber kam heimlich zu der Frau Rupf, die am Brunnen stand, und legte ihr den Arm um den Hals, um sie zu trösten.

Frau Rupf stieß einen gellenden Schrei aus und fiel vor Schrecken rücklings in den Brunnen, und der Affe mit ihr. Das der Affe aber ein wasserscheues Tier ist, ärgerte er sich darüber und stellte Frau Rupf zur Rede, während er mit ihr im Brunnen herumschwamm, und zauste sie an ihren Locken und war unhöflich zu ihr. Wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn nicht die gute Frau Tönnchen herbeigeeilt wäre und ihren Sonnenknicker hingehalten hätte. Daran zog sie mit vieler Mühe die nasse Frau Rupf und den Affen aus dem kalten Element.

Nun waren sie beide feucht, der Bürgermeister und die Bürgermeisterin, und die Dusendaler riefen, man müßte sie wärmen.

„Wie wollen sie in die Pfanne tun und etwas Speck dazu,“ schrie einer, und alle jauchzten über diesen schlechten Scherz. So ausgelassen waren sie.

Aber Herr Rupf und Frau Rupf dachten, es wäre Ernst, und sie fielen auf die Knie und baten händeringend, sie möchten sie nicht in die Pfanne tun. In seiner Angst ließ der Herr Rupf seine Augen nach Hilfe umherschweifen und plötzlich erblickte er oben auf der Stadtmauer seine getreuen Bürger von Tubatau. Sie hockten da oben wie die Hühner auf der Stange, und die Augen fielen ihnen vor Schreck und Staunen beinahe aus dem Kopf.

In Tubatau nämlich war seit dem frühen Morgen das Gejauchze und Gelächter aus Dusendal vernommen worden, und es war immer mehr und mehr angewachsen, bis es sich schließlich so anhörte, als ob hunderttausend Affen in der Stadt ihr Wesen trieben.

Die Tubatau trauten ihren Ohren nicht. War je dergleichen vernommen worden? Aus Dusendal, wo nicht einmal die Vögel sich getrauten „piep“ zu sagen! „Da ist etwas nicht geheuer!“ sagten sie und nahmen ihre Stühlchen und Stehleitern unter den Arm und kletterten an der Stadtmauer von Dusendal in die Höhe.

Welch ein Anblick erwartete sie hier! Die Stadt Dusendal schien verzaubert zu sein; eine grüne Wildnis überzog das Pflaster, die Grashalme waren zwischen den Steinen hervorgeschossen wie Lanzen, die Bäume sahen aus wie Urwaldriesen; und auf den Fensterbrettern wuchsen Blumen so groß wie Kohlköpfe. Die Menschen von Dusendal aber rasten in den Straßen herum wie Wahnsinnige, sie umarmten sich, sie wälzten sich auf dem Boden, sie prügelten sich und schrien juchhe! Und was das Seltsamste war, sie schienen alle größer, dicker geworden zu sein, sie stampften umher wie die Riesen, und wenn sie lachten, dröhnte es wie Posaunen. Zwischen ihnen liefen entsetzliche Tiere herum: riesengroße weiße Mäuse, Meerschweinchen, Affen, sogar ein Känguruh hüpfte umher und meckerte. Mitten auf dem Marktplatz aber, o Entsetzen! - - lag der Bürgermeister Rupf auf den Knien und neben ihm die Frau Rupf; Die Dusendaler aber tanzten um sie herum und schwangen ihre Regenschirme als ob es Kriegsbeile wären. Der Bürgermeister sah merkwürdig glänzend und glatt aus, und es träufelte goldgelb von ihm herunter; die Frau Rupf hatte keine Haube mehr und troff auch. Aber oben auf dem Brunnenrand saß die Bürgermeisterin Tönnchen und bestreute die Rupfs mit Konditorzucker, als ob sie Pfannkuchen wären.

 

„Hilfe!“ schrie der Bürgermeister Rupf. „Tubatau, her zu mir!“ und er wollte mit der Hand winken, aber sie klebte.

Jetzt sahen auch die Dusendaler die Tubatauer auf der Mauer.

„Halloh!“ brüllten sie, da seid ihr ja! Herunter mit euch! Wir wollen euch bezahlen, daß es nur so klingen soll!“ Ehe die entsetzten Bürger auf der Mauer nur ein Glied gerührt hatten, kamen die fürchterliche Riesen schon mit Gebrüll aus der Stadt gestürmt. An den Beinen zogen sie die Tubatauer von der Mauer herunter, und nun ging es los.

 

„Das ist für’s Forellenfangen! Das ist für die Verbeugungen! Das ist für die Heller! Und das gibt es zu!“ Bei jedem Satz gab es etwas hintendrauf, und das war nicht sanft, denn die Dusendaler hatten Kräfte, daß sie gar nicht wußten, wohin damit.

„Au!“ schrien die Tubatauer. „Gnade! Gnade! Wir wollen es nicht wieder tun!“

„Wiedertun?“ lachten die Dusendaler. „Hoho! Das sollte euch wohl schwerfallen, ihr armseligen Zwerge! Ihr Nichtse! Die reinen Punkte seid ihr, man weiß gar nicht, wo man hinschauen soll!“

Klatsch! ging es, als ob es hagelte, und die Musik dazu machten die Dusendaler mit ihrem dröhnenden Gelächter. Es klang wie Regimentsmusik mit Pauken.

Die Tubatauer liefen, als ginge es um ihr Leben, und zwischen ihnen hüpften der Bürgermeister und die Bürgermeisterin von Tubatau und sahen so zuckrig aus wie bestreute Napfkuchen. Sie hörten nicht mehr auf zu laufen, bis sie das Tor ihrer Stadt hinter sich hatten.

„Das sind Teufel!“ heulten sie. „Wir haben den Höllenpfuhl zum Nachbar!“ Und dann machten sie sich gegenseitig kalte Umschläge, denn sie hatten es nötig.

Auf der Mauer stellten sie Posten aus, weil sie Angst hatten, die entsetzlichen Geschöpfe kämen ihnen noch auf den Hals.

Aber die Dusendaler hatten gar keine Zeit dazu. Bei der Verfolgung war ihnen die Frau von Tubatau in die Hände gefallen. Das herrliche Holzbildwerk, das die Heller fraß.

„Hurra!“ riefen sie, „das ist gut zum Kaffeekochen!“ Sie packten das Standbild und schleppten es in die Stadt. Dann holten sie ihre Aexte und stellten sich in Schlachtordnung auf.

„Der Bürgermeister hat den ersten Schlag!“ hieß es, und der Herr Tönnchen, der jetzt schon eine Tonne war, holte aus.

Krach! Da lag die hölzerne Frau in zwei Hälften am Boden.

„Er läßt uns nicht übrig!“ tobten die Dusendaler, und nun brachen sie über die Holzfrau herein wie Ungewitter; es splitterte und krachte, und im nächsten Augenblick war von der stolzen Frau nur noch ein Häufchen Brennholz übrig. Und die Frauen von Dusendal lasen es auf und häuften es neben die Backöfen.

Der Bürgermeister Tönnchen aber schwang sich auf den Brunnenrand und schrie:

„Männer von Dusendal! Die Ketten sind gesprengt! Die Stunde des Ruhms ist gekommen! Zu den Waffen! Erobern wir die Welt!“

„Zu den Waffen!“ brüllte die ganze Stadt, und alle warfen die Mützen in die Luft.

Da war es, als ob die Erde sich auftat. Ein Donnergetöse erfüllte die Luft. Es schwankte, es bebte, und alle Dusendaler fielen um, wie vom Blitz getroffen, oder wie wenn man ihnen die Erde unter den Füßen weggezogen hätte.

 

14. Kapitel.
Doktor Kraak macht sein letztes Experiment.

Inga hatte das Fest nicht mitgemacht. Gleich zu Anfang, als das Hündchen Timpeteil dem Herrn Tönnchen die Jubiläumswurst vor der Nase weggeschnappt hatte und davongesprungen war wie nicht gescheit, war sie fortgelaufen, hinter Timpeteil her. Denn sie liebte das Hündchen und dachte, wenn es in seiner Gier nun die ganze Wurst auffrißt, wird es sich den Magen verderben oder gar daran zugrunde gehen. Denn es war doch nur klein und hatte keinen Verstand, wenn es sich um Wurst handelte.

Timpeteil sprang über Zäune und Gräben. Er hörte Inga hinter sich herkommen und dachte, sie wollte ihm den Raub gänzlich wegnehmen, und das durfte nicht sein. Die Wurst mußte er haben, und heisere, wütende Knurrlaute kamen aus seinen zusammengepressten Zähnen. Das Hündchen Timpeteil war immer ein sanftes Hündchen gewesen. Es konnte vor dem allerbesten Futter sitzen und rührte sich nicht eher, als bis die Frau Tönnchen es gestattete. Und heute dieser Anfall und vor allem Volk, und ausgerechnet mit der Riesenfesttagswurst! Was ist nur in mich gefahren? dachte Timpeteil verwundert. Wie ich da eben über den Zaun gesetzt bin! Geradezu fabelhaft! Ich, der ich doch in meinen besten Zeiten nie anders als bei Fuß gegangen bin! Und er vollbrachte eine letzte, unnachahmliche Sprungleistung über die Hecke im Garten des Herrn Tönnchen und verkroch sich unter dem Holunderbaum. So! dachte er, hier wird mich ja nun keiner mehr stören. Und er biß als Anfang gleich eine Handbreit von der Wurst herunter und setzte sich einstweilen vor den Rest. Merkwürdig, dachte er, wie dunkel es heute unter dem Holunder ist, und wie eng es ist! Irre ich mich, oder sind die Blätter größer geworden? Er sah sich um, und vor Erstaunen blieb ihm das Wurstende im Halse stecken.

Die Blätter des Holunders waren tellergroß und so dick wie eine Menschenhand. Richtig fett waren sie. Und da sie so groß und dick waren, preßten sie sich nun auf dem engen Raum zusammen und lagen übereinander wie Schuppen. Nur auf einer Seite konnte man noch ins Freie sehen, und da standen ein paar Grashalme. Aber als Timpeteil dieses Gras sah, blieb ihm vor Staunen das Maul offen stehen. Die Halme waren so dick wie Kalbsknochen.

Da ließ sich ein Aufschrei der Freude hören. Inga hatte ihn ausgestoßen.

„Er blüht! Er blüht!“ jubelte sie. „Der Rittersporn blüht!“

Timpeteil kümmerte sich hierum nicht. Er wußte nicht einmal, was sie mit dem Wort meinte; überdies hatte ihn plötzlich wieder die wütende Freßgier ergriffen, die vorhin schuld gewesen war an dem Raub. Er fraß sich wie ein Tiger in die Wurst hinein, und die Wursthaut flog nur so in Fetzen zur Seite.

Inga aber stand vor ihrer Pflanze und sah sie an. Hier war ein Wunder geschehen. Der Rittersporn war über Nacht emporgeschossen. Unzählige Blätter hatten sich spitzig um die Stiele geschart, und über ihnen auf zarter Höhe schwebten die tiefblau gespornten, rötlich überhauchten Blütenkelche. Nie hatte Inga eine Blume von solcher Herrlichkeit erblickt. Hätte sie zur Seite gesehen, vielleicht wäre ihr Entzücken und ihre Verwunderung ein wenig geringer geworden. Denn hier standen Blumen, die nicht weniger verherrlicht waren. Die Krokusse öffneten ungeheure Kelche wie lilaweiße Schalen, die Vergißmeinnichte zeigten ein blaues Meer von unerhörten Sternen, und die Rosen schwankten in der Sonne wie Märchengebilde, so süße Düfte streuten sie in die Luft, so üppig wölbten sie sich ineinander. Zwei Hände hätten ein Blütenhaupt gewiß nicht umspannt.

 

Aber Inga sah diese Herrlichkeiten nicht. Für sie wuchs in dem Garten nur eine Pflanze, blühte nur eine Blume, der Rittersporn. Und sie neigte sich ein wenig und nahm die blaue Blume in ihre zärtlichen Kinderhände und drückte die Lippen darauf und küßte sie viele Male.

Da kam ihr ein Gedanke, und sie hob den Kopf. Wenn die Blume blüht, war auch der Vater da, hatte Pumpernickel gesagt. Wo also war er? Inga drehte sich um, doch alles war einsam. Vom Markt her kam Lärm, aber kein Schritt hallte auf dem stillen Pflaster. Wo blieb der Vater? Ingas Herz zog sich zusammen. Sie konnte hier nicht stehen und warten. Es mußte etwas unternommen werden. Sonst war es ihr, als ob die Zeit hineilte und alle Hoffnung mit sich nahm.

Ich will zu dem Mohren, dachte sie. Es weiß es. Er nichte ja, als sie ihn fragte. Sie lief davon durch das Pförtchen, über das Feld, der Fabrik zu.

Im Garten aber blieb nur Timpeteil. Er saß schmatzend unter dem Holunder. Die Wurst war verschwunden. Mehr! dachte Timpeteil und sah mit grausamen Blicken um sich. Wilde Gefühle stiegen in ihm auf. Ich fresse jetzt auf, was mir in den Weg kommt, beschloß er, und wenn es Ratten oder Kanarienvögel wären. Er machte einen Satz und nahm seinen Weg nach dem Festplatz zurück.

Als Inga zur Fabrik kam und anklopfen wollte, da flog die Tür auf und heraus kam, käsebleich, schlotternd und wie von Furien gejagt, ihr Feind, Eusebius Rupf.

„Eusebius!“ rief sie, „was tust du hier?“

Aber Eusebius hörte sie nicht und hörte niemand. Er stürzte die Treppe hinab, den Feldweg entlang und war schon ferne und klein wie ein hüpfender Floh, ehe Inga noch ein weiteres Wort herausgebracht hatte.

Aus dem Innern der Fabrik aber tönte ein wütendes Gekreisch. Geräusche kamen heraus, wie wenn Stühle umgeworfen würden und ein Körper zu Boden stürzte.

Inga lief hinein und stieß eine Tür auf. Dieselbe Tür, hinter der damals die herrlichen Blumen geblüht hatten. Sie schrie vor Schrecken. Am Boden lag der Doktor Kraak gefesselt, und der Mohr stand daneben und hielt die Fäuste geballt. Die Schalter und Drähte aber lagen zerrissen am Boden, ein wüstes Knäuel.

„Schönes Kind!“ winselte der Doktor, „hilf mir! Dieser Narr hat den Verstand verloren. Er ist ein Verräter an der Wissenschaft; er hat mein schönstes Experiment zerstört. Der Junge sollte eine Kreuzung von Löwe und Elefant werden. Ich wollte ihn mit reinem Sauerstoff ernähren. Er wäre das Wunder des Jahrhunderts geworden. Ich hätte ihn aufgebläht, bis er geflogen wäre. Der Mensch als Gasballon! Welche Erfindung! Und alles zunichte! Alles ruiniert! Dieser Narr, den ich aufgelesen habe als Gehilfen und Engel der Rache, er liebt die Menschen. Hat man je so etwas Närrisches gehört? Hassen muß man sie, hassen! hassen!“

Gräßlich sah der Alte aus. Die Augen traten ihm aus dem Kopf, seine Zähne knirschten.

Inga schauderte.

„Komm!“ sagte der Mohr. Er faßte sie bei der Hand und ging mit ihr hinaus.

Aber kaum hatten sie den Hof betreten, da erscholl hinter ihnen eine gellende Stimme. Sie drehten sich um. In dem offenen Fenster stand der Doktor Kraak. Er hatte seine Fessel zerrissen, sein Haar flog im Wind.

„Halt!“ kreischte er. „Denkt ihr, der Doktor Kraak, der einzig wahrhaft bedeutende Mensch der bewohnten Erde, sei so leicht zu besiegen? Meine Erfindung habt ihr vernichtet. Dafür sollt ihr ein Andenken haben, das ihr nie vergeßt! Fliegen sollt ihr, wenn nicht auf die eine Weise, dann auf die andre!“ Er lachte gräßlich auf und machte eine höhnische Verbeugung.

Doktor Kraak sprang mit wütender Hast ins Zimmer zurück. Sein tolles Gelächter tönte grauenhaft heraus. Gleich darauf hörte man Klirren und Splittern aus dem Innern.

Inga und der Mohr standen einen Augenblick wie gelähmt. Eine schreckliche Ahnung überkam sie.

Schließlich riß der Mohr das Mädchen vorwärts. „Lauf!“ murmelte er. „Es gilt unser Leben!“

Sie stürzten den Weg entlang.

Plötzlich warf sie eine unsichtbare Gewalt zu Boden. Die Erde schien sich zu öffnen wie der Schlund einer ungeheuren Kanone, und ein Knall, als würde die Welt gesprengt, zerriß die Luft.

Inga und der Mohr lagen betäubt da.

Als sie sich nach langer Zeit aufrichteten und umsahen, war die Fabrik verschwunden.

 

15. Kapitel.
Weshalb die Forellen wieder dicker wurden.

Die Dusendaler lagen immer noch so, wie sie hingefallen waren. Erst allmählich kamen sie zu sich und betasteten sich, ob ihnen nichts geschehen wäre. Aber sie waren alle heil und ganz.

„Was ist nur mit uns geschehen?“ dachten sie. Sie sahen sich um, und was erblickten sie da? Alle Dusendaler lagen durcheinander in einem wüsten Haufen wie ein Bündel Flicken. Ihre Hüte, ihre Hauben, ihre Sonnenschirme und Riechbeutel, alle diese Zeichen ihrer Vornehmheit und Gesittung lagen herum oder hingen an den Häuserecken; Affen und Mäuse krochen zwischen ihnen hin und her, der Marktplatz, der sonst so ordentlich und sauber war, zeigte ein Bild der greulichen Verwüstung. Obstkörbe und Butterfässer kullerten herum, die Blumen an den Fenstern waren abgenagt oder herabgeschlagen, und sie selbst, die sittsamen Dusendaler, sahen sich ganz beschämt an. Wie sahen sie aus? Wo waren ihre kunstvollen Frisuren, ihre zierliche Haltung, ihre guten Sitten geblieben?

Ihre Blicke fielen auf die kümmerlichen Ueberreste der Frau von Tubatau; langsam stieg die Erinnerung in ihnen auf, und sie erbleichten vor Entsetzen.

Da klangen hastige Schritte vom Tor her. Alle drehten sich um. Es waren Inga und der Mohr.

„Inga!“ rief Frau Tönnchen, „wo bist du gewesen, und was ist geschehen?“

Inga rief: „Wir haben den Eusebius befreit, den der Doktor zu einem Elefanten machen wollte.“

„Entsetzlich!“ rief Frau Tönnchen.

„Er wollte uns alle dazu machen!“ rief Inga. „In die Laternen hat er Sauerstoff geleitet; davon wird man so dick und so wild und schließlich wird man ganz aufgeblasen und fliegt davon.“

Die Dusendaler stießen Schreie aus, so entsetzt waren sie darüber, daß sie hätten wegfliegen können.

„Aber der Mohr hat uns gerettet!“ rief Inga. „Ihr müßt ihm dankbar sein. Da steht er!“

Sie drehte sich nach ihm um, und alle Dusendaler drängten sich, um dem Mohren die Hand zu schütteln.

Aber da war kein Mohr. Sondern am Brunnen stand ein schlanker, stattlicher Mann, der wusch sich gerade die letzte Spur von schwarzer Farbe aus dem Gesicht und lachte. - -

„Vater!“ rief Inga und stürzte auf ihn zu.

Es war Frank. Da stand er.

„Es ist also doch wahr!“ rief Inga und umschlang ihn.

„Was ist wahr?“ fragte der Vater und beugte sich zu ihr herunter.

„Das mit dem Rittersporn!“ flüsterte Inga und wurde rot. Ihr Vater strich ihr übers Haar.

„Nun können wir auch den Ring wieder ausgraben,“ sagte er lächelnd.

Inga sah ganz erschrocken auf. Was wußte er von dem Ring? Aber dann fiel es ihr ein. Der Mohr hatte ja geholfen.

„Und ich habe es nicht gewußt!“ murmelte sie.

Jetzt kamen die Dusendaler heran und wollten alles wissen, und Frank stand in der Mitte und mußte erzählen.

„Der Doktor Kraak,“ sagte er, „war ein berühmter Mann, der alle Geheimnisse der Natur kannte. Aber er benutzte sie nicht zum Wohl der Menschen, wie ich glaubte. Er haßte sie und freute sich, wenn sie zum Opfer seiner Experimente wurden. Mir versprach er, er wollte euch zu mutigen und stolzen Menschen machen, damit ihr einsehen lerntet, welche Schande es ist, sich so zu beherrschen zu lassen und vor einem Holzbild Verbeugungen zu machen. Er wollte mir helfen, daß ihr aus eigenem Antrieb die Tubatauer aufs Haupt schlagt. Aber das hat er nicht getan.“

„Doch, doch!“ riefen die Dusendaler, „da liegt sie ja, die Frau von Tubatau, wir haben sie verbrannt; aber was nun kommt, das wissen wir nicht!“

„Was nun kommt?“ sagte Frank und lachte vor Freude, „das stolze, schöne, freie Leben kommt jetzt!“

Die Dusendaler sahen bedenklich drein. Da trat der Bürgermeister Tönnchen vor und führte Frank vor die Dusendaler, so daß alle ihn sahen.

„Dies ist euer neuer Bürgermeister!“ rief er. „Er hat uns gerettet und wird uns davor bewahren, daß wir den Tubatauern von neuem in die Hände fallen. Ich bin alt. Und er ist jung und er hat es verdient.“

„Hoch Frank!“ riefen die Dusendaler. „Hoch der neue Bürgermeister!“

Hoch Dusendal!“ rief Frank dagegen. Er stand so schlank und stolz da, daß er aussah wie die lachende Zukunft selbst, die er herbeiführen wollte.

So geschah es, daß Dusendal einen neuen Bürgermeister bekam, und zwar einen guten. Ein herrliches Leben fing an für die Dusendaler. Sie durften wieder fischen, so viel sie wollten: die Forellen waren außer sich vor Freude, daß sie wieder Butterbrot gestreut bekamen, und wurden von Tag zu Tag ersichtlich dicker.

Die Tubatauer aber rückten und rührten sich nicht mehr vor lauter Respekt. Nicht einmal herüberzuschielen wagten sie, solche Angst hatten sie vor den Dusendalern. Aber die Dusendaler ließen sie das Vergangene nicht entgelten. Sie waren leutselig und huldvoll gegen die Tubatauer und winkten freundlich mit der Hand, wenn einer von ihnen vorbeischlich.

Eine Weltstadt ist Dusendal nicht geworden, das wäre ja auch nicht das rechte gewesen. So ein Städtchen wie Dusendal ist doch schließlich am schönsten so, wie es ist. Nur ganz so verschlafen durfte es nicht wieder werden. Dafür sorgte der Bürgermeister Frank. Dusendal wurde ein fröhlicher Ort, in dem es eine Lust war zu leben. Und wenn irgendwo die Bürger drohten, in ihren alten Trott zu verfallen, da fegte gleich Frank mit seinem befreienden Lachen dazwischen. Und wenn dann Inga bei ihm war, da verging alle Muffigkeit und alle Schläfrigkeit.

Wenn aber ein Fremder nach Dusendal kam und um die Stadt spazierte, dann fand er dicht vor dem Tor eine ungeheure Grube. Steine, Schutt und Splitter von Glas lagen darin in wüstem Durcheinander, und die Ränder der Grube waren schwarz, wie wenn eine Feuerlohe sie versengt hätte. Fragte er dann erstaunt, was es mit diesem Schlunde auf sich hätte, so antworteten die Dusendaler mit geheimnisvollen Gesichtern:

„Es ist die Luftfabrik von Dusendal!“

Ende. - -