… ein paar Seiten …
B a s i l i s k
an Hand der Löffel

Der Basilisk als Fabeltier gilt neben dem Menschen und dem Bonobos als das einzige Wesen, das sein Abbild im Spiegel kritisch betrachten kann. Leider waren die Folgen dieser Selbsterkenntnis für das bedauernswerte Reptil in der Regel fatal.

So weit sollte uns dieses Beispiel aus dem Tierreich als Muster für unsere Selbstbeschau nicht dienen. Was jedoch die Ernsthaftigkeit bei diesem Vorhaben und den Mut zur Konsequenz anlangt, stünde uns die Hornhaut dieser Echse besser an als unsere empfindliche Warmblüterausstattung, die es uns allzu oft erlaubt, sich wohlig in Bedeutungstiefe zu suhlen, ohne eigene Betroffenheit und Scham zu empfinden.
Auf den Seiten meines Buches befinden sich viele verborgene Spiegel, die die Blicke des Betrachters auf ihn selbst oder auf die Folgen eigener Handlungen lenken können. Der Spiegel hingegen bleibt immer unschuldig.

 

(Ausschnitt, geschrieben 1996 …)

— Bestimme auch du über ein Gebiet, teilen und gebieten wir, mach es dir zu eigen wie wir es tun, erobere es, mach es dir untertan, verfüg über es, wie alle rund um dich es tun. Sonst tut es an deiner Stelle jemand, der weniger Bedenken hat als du. Es ist unser aller gutes Recht, sogar die Pflicht der Zivilisation. Oder hängen gar dem Fuchs die Trauben bloß zu hoch?


— — —


— Wenn die Kinder des Mondes nicht imstande sind, eine ordentliche, entwicklungsfähige Kultur zu errichten, werden sie vom Lauf der Welt ausjuriert, das ist evolution in action, das war schon immer so, im Ausgleich für den Verlust ihrer kulturellen Identität und Vergangenheit, für die Aufgabe ihres Erbes erhalten sie Zivilisation, Zugang zu medizinischer Versorgung, die Kindersterblichkeit wird gesenkt, das Durchschnittslebensalter gehoben, selbst im Pflanzenreich herrscht verbittertster Verdrängungswettbewerb, in den Baumkronen und im Wurzelbereich ein fortwährender Kampf um Energie und Ressourcen, survival of the fittest, wer nicht will, der hat schon! Das war wahrscheinlich der erste, planetenweite Genozid, als freier, gasförmiger Sauerstoff sich in der Atmosphäre unseres Erdballes ausbreitete, uns damit erst das Leben, as we know it, ermöglichte, aber doch alle bis dahin existierenden Lebensformen gänzlich vernichtete oder in unbedeutende Nischen abdrängte! Mir ist dein ausufernder Ego-zentrismus unverständlich: wie in einer Momentaufnahme willst du den status quo justament dann einfrieren, wenn gerade du diesen Planeten zierst, oder vielleicht noch besser, in der ›Guten, Alten Zeit‹, als ganze Landstriche zu unterernährt waren, um Intelligenz zu entwickeln, oder in Irland den Bauern nichts übrig blieb, als vor den Kartoffelkäfern und der Kartoffelfäule die Flucht zu ergreifen und auszuwandern. Die glückliche Peter Rossegger-Zwölf-Kopf-Zwei-Paar-Schuh’-Familie: aufgebrochene, blutige Frostbeulen vom Wäschewaschen, ›Ein Kind ins Haus, ein Sarg hinaus‹–Lebensweisheiten, Rachitis, Arthrose, Kindbettfieber, die Engelmacherinnen, Abtreibungsversuche mit Hilfe von Stricknadeln, Arbeiter, die neben der Werkbank übernachten, ›Ziegelbehm’‹, in feuchten Erdbunkern oder auf den Ziegelöfen wohnend, Bettgeher auf Zimmerkuch’l?


Als das amphioxus, das Lanzettfischchen, die Urmeere eroberte, entzog es der bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschenden Lebensform die Ernährungsgrundlage, verurteilte sie solchermaßen zum Aussterben; wenn es also diesem, unser aller Vorfahren nicht gelungen wäre, den ihm kraft seiner superioren Fähigkeiten zustehenden Lebensraum zu erobern, wenn hier nicht zwangsläufig das Bessere der Feind des Guten gewesen wäre, gäbe es uns alle nicht, oder nicht in dieser Form!


— — — (Zumindest hatte das amphioxus ein Rückgrat, Costa Cordalis, mit corda dorsalis …, ein unentwegtes, weltweites ›Schneider, Schneider leih’ mir d’Scher’‹, ›Eine Reise nach Jerusalem‹ für Rollstuhl und Düsenjäger gleichermaßen)

— — —
Du merkst ja doch selbst, wie du dich damit in Widersprüche verwickelst, oder?! Zuerst bedauerst du die Auslöschung stagnierender Kulturen, möchtest alles bewahren und danach redest du von der ordnenden Kraft der Römer, die als ein System der Ordnung in die geschichtslose Welt der vor sich hin darbenden Urvölker, Barbaren, Kelten undsofort eindrangen, vermagst du denn nicht mit uns zu hoffen, daß durch die globale Mobilität und die dadurch entstehende, gegenseitige Kenntnis und Assimilation der völkischen Eigenheiten eine neue Art des Kulturverständnis zwischen verschiedenen Nationen entsteht, eine Völkerfreundschaft, die Kriege der Verständnislosigkeiten behindern, gar unmöglich machen kann? …


— — — (Willst du, Hermann, die hier anwesenden Gedanken zu deiner dir anvertrauten Überzeugung machen, sie lieben und pflegen, achten und ehren, in guten wie in schlechten Zeiten? Dann antworte mit ›Ja!‹)

— — —


— Na? Was ist? Wir hören nichts! Offensichtlich fehlt dir ja jetzt der Mut! Nach dem Maulheldentum kommt dann die Schwäche im Vollzug, die Impotenz der Tatschwachen, ›… von des Gedankens Bläße angekränkelt …‹, zu weit vorgewagt aus deinem Schneckenhaus, was? Zu weit aus dem Fenster gehängt? Zu dick, die Luft am Fuße deines Elfenbeinturmes? Gib das Signal zum Rückzug, es gibt keine Diktatur der Stille, es sei denn im Tod, keine machtlose Machtausübung, kein passives Herrschen! Nur Vakuum, in das sich das Machtstreben des Nachbarn zwangsläufig und mit dem Recht des Stärkeren ausbreitet. Ich bin sprachlos: Willst du denn in deiner überheblichen Selbstgerechtigkeit um Gotteswillen der ganzen Welt verbieten, auf Urlaub zu fahren? Was maßt du dir denn dabei an?! Das grenzt ja an Diktatur!! Absolutismus von schlechtestem Zuschnitt! Tyrannei der Unreife! Da hätten unsere Vorfahren, um ihre Kinder zu ernähren oder ihre Alten zu pflegen, durch den harten Winter zu bringen, keinen einzigen Baum roden dürfen, kein Tier schlachten, kein Nest ausnehmen, kein Rind melken, keinen Fisch fangen, willst du dich denn als einziger aus der Nahrungskette ausgliedern, was sollen die Präriehunde machen oder die Katzen, wenn sie keine Beute reißen sollen, du verweigerst dich der Realität …


— — —


— Du sagst, du haßt Termine, du leistest es dir, großsprecherisch vor Publikum zu deklamieren: ›Ich hasse Termine!‹, während deine Frau alle wahrzunehmenden Pflichten, alles Weltlich-Organisatorische für dich erledigt, die Wäsche, den Einkauf, die Bank, Termine, die Kinder, und mich dann anklagend anblickt, weil sie es satt hat, fruchtlos mit dir darüber reden zu müssen! Willst du denn tatsächlich, daß alles in Untätigkeit und Lethargie versinkt wie du? In Abwartung und vor Mitleid erstarrt bis zur Agonie?


— — — (… 90% aller Pflanzen getötet durch Round Up, außer den — zum Beispiel von Monsanto — gentechnisch zu eben diesem Ziel, der spezifischen Resistenz erzüchteten Pflanzen zur Massenernährung)

— — —


— In China gibt’s trotz restriktivster Legislatur wieder den Trend zum Zweitkind, da brauchen wir mehr Nahrungsmittel, da reicht das bisherige Nahrungsangebot nicht mehr, du mit deinen kärglichen Bergbauern, die sich die Körndln aus dem harten, schrägen Boden kratzen, willst du wirklich Massenhungersnöte und Welt-Kriege um Lebensmittel, Wasser, Energie, medizinische Versorgungsmöglichkeiten? Reicht es dir nicht, daß wir weltweit bereits mehr Lebensmittel vernichten, als zur Ernährung der Gesamtbevölkerung notwendig wäre? Erst wenn alle Dritte-Welt-Länder unsere Kulturstufen erreicht haben, können sie ihr Prinzip der Altersversorgung durch möglichst zahlreiche Nachkommenschaft überwinden, da gibt es keine Alternative …


— — — (seit Anbeginn der Zeiten von Menschenhand unberührter Tropfstein, zwölf Meter dicke Schichten aus Fledermauskot, Jahrtausende alt,)


— Eines Tages werden wir es geschafft haben …
— Was?
— Alles wird gut ausgehen.
— Was?
— Wir werden alle unsere Probleme gelöst haben, Wohlstand und Gesundheit für alle!
— … oder die Küchenschaben werden die Welt regieren.
— Wir werden Neid und Mißgunst, Armut und Krankheit besiegen, die ganze Welt wird in Frieden die Früchte gemeinsam erworbenen Wohlstandes genießen!
— Aber Du siehst doch, daß es fortwährend schecht ausgeht! Andauernd und in jedem Moment gelingt es uns magerem und doch überfressenen Drittel mit cleveren Handelsabkommen dem Rest der Welt ihre Ernährungsgrundlagen zu entziehen, die ihnen zustehenden Reichtümer vorzuenthalten! Wieviele Finanzimperien und Besitztümer sind aus diesen Raubzügen gegründet und ihre jetzigen Besitzer sind erfolgreich damit davongekommen! Du siehst ja, was in der zivilisierten Schweiz passiert: Kaum sollen die Banken das Nazigold zurückerstatten, muß der Aufdecker dieses Skandals in Amerika um Asyl ansuchen. Irgendwie hat man dabei Schwierigkeiten, sich das Entstehen des monegassischen Fürstentums anders als ein galantes Abenteuer im Stile Hollywoods mit Errol Flynn in der Hauptrolle vorzustellen, oder? Und sieh, was für eine respektable Einrichtung dieser Platz geworden ist! Freilich: Was sollte auch der jetzige Fürst noch daran ändern oder an Wiedergutmachung zuwege bringen? Geldwäscherei der historischen Art, häh? Den jetzigen Reichtum der Region könnte er vielleicht als Teil wenigstens des gemeinsamen Nutzens daraus darstellen. Aber erzähl das doch denjenigen, die zu Beginn mit Leid und Elend dafür bezahlt haben! Sicher würde sich — bei entsprechendem Handlungsbedarf — bald jemand finden, der diese Wegelagerer als Robin-Hood-Verschnitt interpretieren kann …


Das ist doch immer so: Zuerst werden die Schlüsselpositionen reich, zuerst werden die Handelshäuser reich und vielleicht auch die Plantagenbesitzer, falls sie Einheimische sind und das Geld im Land bleibt. Und vielleicht wird auch der Landarbeiter ein bißchen reicher, sodaß er sich sogar irgendwann einen Fernseher, ein Auto und einen Kühlschrank kaufen kann, währenddessen aber sind die Lebensmittelpreise derart gestiegen daß die bereits vorher Benachteiligten wieder durch die Finger schauen. Der Moskauer Bürgermeister darf ja sein Talent als Organisator auch eher beim Abhalten von Glitzerparaden beweisen als bei der Ideenfindung zu Hilfsmaßnahmen für seine Straßenkinder, die private Sheriffs immer noch ungestraft abknallen dürfen, die immer noch auf den Straßen und im Kanalsystem verkommen und versuchen, sich ihr Leben durch das Schnüffeln von Lackresten oder Klebstoffen erträglich zu machen. Das passt dem Jet-Set nicht wirklich in den Kram und stört beim Genuß in der new cultural front zone. Was soll’s! Wegschauen läßt sich üben …


— Ich vertraue auf die Phantasie des menschlichen Geistes: Auf die gleichzeitige, oft auch unbewußte und zufällige Genialität aller, die überraschend wie in der genetischen Streuung ungeplante und doch höchst funktionelle Ergebnisse hervorbringt. Da wird sich dann ein Markt bilden, der eben diese Nischen bedient. Dieses System ist selbstregulierend und es funktioniert mit einer phantastischen Geschwindigkeit, die keine Lenkung von oben schnell genug bedienen könnte.
— Eben.
— Was heißt eben …?
— Ich versuche, deine Argumente mit den Augen jemandes zu verstehen, der unter unserer Weltordnung leidet und dann scheint mir auf einmal jede ›… wir werden unsere Probleme schon lösen …‹-Argumentation unpassend und kaltherzig. Ich will, verdammtnochmal, einfach nur nicht, daß sich die Stärkeren alles unter den Nagel krallen, nur weil sich Nichtbesitz genauso wie Nichtbesitzende im rechtsfreien Raum befindet, weil das Grundbuch noch nicht für alle gilt! Und da scheint mir mehr Allianz unter denen zu finden zu sein, die das ebenso wie mich aufregt und nicht auf die Zukunft vertrösten.
Es ist nicht der Wunsch und das Vermögen von Nomaden ebenso wie alle anderen Grundbesitz, Altersversorgung, eine mehrstöckige, unterkellerte Lebensplanung zu verwirklichen, wir haben uns das selbst erlaubt und den anderen verboten; irgendwann haben wir einmal gesagt, »Das da ist jetzt unseres!« haben nicht alle fragen können, ob sie denn damit einverstanden wären, und dennoch die Gesetze der Sesshaftigkeit erlassen.
Meine Fraktion ist hier sicher nicht: In den Reihen der vernünftig Vernünftigen, die Währung und Maßeinheit für die Waagschalen festlegen. Zumindest machen sie es sich in meinen Augen zu leicht im Namen der Vernunft über Leben und Zukunft anderer hinwegzusteigen.


Ist der Anteil an Farbigen der zum Tod Verurteilten in den USA zufällig jenseits der 90%? Wer prägte dann dafür die Bezeichnung The Best of All Possible Worlds? Echt toll, König zu sein …


Ich geb’ es ungern zu: Die Demokratie ist vielleicht die erträglichste aller Möglichkeiten miteinander auszukommen, die mit den wenigsten Opfern veränderbare, sagt man. Zumindest ist sie allerdings die modernste, im Augenblick medial akzeptabelste. Ob sie mit ihrer Verquickung und Hingabe an die »freie« Marktwirtschaft auf Dauer auch die gerechteste bleibt, steht für mich noch nicht fest. Das jährlich wiederkehrende, saisonale Lamento von Fremdenverkehrswirtschaft und Handel ist nur bereits die zweite Generation einer sublimen Form von Konsumterror. Offensichtlich neigt ›Volksherrschaft‹ beim momentanen seelischen Ausstattungsstand der Menschen ebenso wie alle anderen Organisationsformen dazu, über Minderheiten zu verfügen, Augen und Regelwege für ihre Bedürfnisse zu verschließen und zu befinden, daß die Mächtigen auch die Mehrheit sind. Lobbying hat viele Formen.
Ich will nicht, daß Arbeiter, die Dreckjobs erledigen, so wenig verdienen, daß sie solche Arbeiten annehmen müssen. Die sogenannte Volkspension muß gerade so bemessen sein, daß genügend Menschen motiviert sind überhaupt arbeiten zu gehen, es ist ein ekelhafter, erniedrigender Handel. Dieses System ist doch eigentlich noch die Fortsetzung des feudalen Systems, in dem als später Repräsentant der Herr Holzinger — mit Villa in Gmund und einer Stadtwohnung für die kalten Monate in Wien 18 — Gerda als Verwalterin unserer Liegenschaft freundlich lächelnd nahelegt etwas zu unternehmen, weil doch die Glühbirne am Gang vor seiner Wohnung nicht mehr brennt. Nach unserer Verdutzpause darauf angesprochen redet sich seine Frau auf eine Bitte um Nachbarschaftshilfe heraus, als hätte sie keine zwei Söhne, die ihr bei Gelegenheit ein Marmeladeglas vom Kasten holen könnten. Über eine Bitte oder Frage läßt sich reden, doch zuerst ist es der scheinbar gekaufte Lakai, der herangezogen werden soll. Es ist eine Kopie und Folge des ›Freien Marktes‹: Wer zahlt, schafft an. Es ist nicht: Alle Menschen sind gleich ausgestattet an Rechten und Pflichten. Es ist nicht: eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.


Unabhängig von der Regierungsform tun Menschen einander immer an, wozu sie fähig sind und was ihrer Bedürfnislage entspricht: Leibeigenschaft und Landvertreibung mag früher wohl mit blutigen Mitteln betrieben worden sein, heutzutage erledigt man so etwas auf der Bank. Wie groß ist wohl der Handlungsimpetus in Brüssel gegen den Ausverkauf von Mallorca?


Unentwegt kollidieren Interessen der Allgemeinheit mit Bedürfnissen einzelner, bemerkenswert finde ich primär jedoch den Inhalt dieser Interessen. Aber wieso befinde ich mich überhaupt in der Situation der Demokratie oder einem anderen Makro-Organismus als Idee der Gemeinschaftsorganisation ans Bein zu pinkeln? Eigentlich sind nicht sie der Grund meines Unbehagens sondern das Schwein in jedem von uns. Denn der zentrale Punkt meiner Beobachtung ist das Ausmaß an Rücksicht mit der wir unseren Mitmenschen begegnen, dieses allein spielt eine maßgebendere Rolle für den Inhalt einer Gesellschaftsidee als seine äußere Form. —


The tidal waves were crashing against the shuddering rocks on the shore of the tiny island, shaking it at the bottom of the bed rock, no it didn’t, I just wrote that to gain your attention …


Unaufhaltsam dreht sich unser Erdball in Richtung Sonne, jeden Morgen, jeden Tag, jedes Monat, jedes Jahr. Und wieder eines vorbei. Unerbittlich eins ums andere, da hilft kein Flehen oder Sehnen, kein noch so ausgeklügeltes Drehbuch, keine Kryotechnik. Wie ein malmendes Räderwerk, schwer und ölig, aus unzerstörbarem Stahl. Hier gibt es keinen roten Griff mit der Aufschrift »Notbremse« und dem Warnhinweis: »Nur in Notfällen betätigen! Mißbrauch bei Strafe verboten.«
Meine Faust will diesen Griff umspannen, laß mich diesen Hebel nach unten reißen, da kommen die nie drauf, wer das war, scheiß drauf, ein kräftiger Ruck bloß, und wir schauen uns gegenseitig alle erleichtert an, der beklemmende Druck vom Hals genommen, vergessen die Hetze, das Morgen, das Nochmehr. Ich würde es gerne hören, wie die hausgroßen Bremsklötze, von eigener Hand ausgelöst sich ins Räderwerk pressen, an mannsdicke Wellen anlegen, sich darin festbeissen und knirschend und qualmend den Fortlauf der Zeiten hemmen.
In den beiden kleinen Zündholzschachtel-Regalen, die Martin und ich nach dem erinnerten Vorbild anfertigen oder direkt über und um das Original unseres Vaters mit weiteren Schachteln ausbauen, vorerst der ›Solo Edelweiß Sicherheitszünder‹, noch aus echten Holzfurnieren, tapeziert und gefertigt mit — warum eigentlich ausgerechnet violettem — Papier, später dann notgedrungen zu bereits profanisierten, mit Werbung verunzierten Exemplaren greifen, ›fleck weg von Tixo. Die Putzerei in der Tasche. Ungebrenzt haltbar. Made in Finland.‹, abermals später erfolgt ein weiterer Anbau mit Schachteln mit dem Etikett ›Zu Julius Meinl geht man gern‹, nun aber bereits aus Karton und von merklich anderem, niedrigerem Format; in diesen Regalen aus drei, vielleicht vier Bauperioden, jeweils zur Verzweiflung unserer Mutter eine erkleckliche Anzahl schachtelloser Zündhölzer hinterlassend, ruht eine Unzahl von Schrauben und Muttern, Stiften und Beilagscheiben, elektromechanische Bestandteile aus der Urzeit der Radio- und Haushaltstechnik, gefundene und gesammelte Bauteilchen, darunter selbstgegossene Miniatur-Seilrollen für die Takelage unseres selbstgebauten Segelbootes, Kugellager, Kohlebürsten, Spiral- und Blattfedern, Gewindestangen. Alle diese Teilchen haben ihre Geschichte, die mir bei Durchsicht der Laden meistens wieder präsent wird, wenn ich wieder ein passendes Schräubchen suche, eine Lade nach der anderen, denn die ursprüngliche Beschriftung — aus kleinen Zetteln mit Tixo auf Papier geklebt — hat sich längst wieder abgelöst und der Inhalt der Schachteln ist auch nicht mehr so konsequent geordnet wie er zu Beginn war. Beinahe alles fällt mir wieder ein: ihre Auffindung, der ursprüngliche Zweck, der Grund für seine geplante Weiterverwendung.


Die Entdeckung dieser bedauernswerten Eigenschaft von Klebebändern, daß sich der Klebstoff ins Papier saugt, dort trocknet und bräunt, worauf der Plastikstreifen sich unter Knistern wieder ablösen läßt, jagt mir damals Schauer des Enzsetzens über meinen jugendlichen Rücken. Da versucht man etwas zu reparieren und zerstört gerade dadurch umso mehr. Da war ja der gute alte, braune Papierstreifen zum Anschlecken noch Gold dagegen, den konnte man wenigstens wieder anfeuchten und ablösen, ganz zu Schweigen vom frühen Traum des Restaurateurs, dem beinahe transparenten Reparaturpapier!
Irgendwie sprechen sie zu mir, sie äußern sich beredt und erinnern mich nachhaltig an unerledigte und aufgeschobene Arbeiten. Sie nähren in mir die Sehnsucht beim Gedanken an die eigene Endlichkeit alle bis dahin unerledigten Pflichten und Vorhaben abgeschlossen zu sehen, alle Schrauben und Muttern, Distanzscheiben und Sicherheitssplints unserer Streicholzschachtel-Schubladen wären wieder an ihrem vorgesehenen Platz, üben ihre ursprünglichen Funktionen aus und seien nicht verwaist und vergessen, sinnentleert und verloren.


Vielleicht steht der christlichen Sehnsucht nach Unendlichkeit hier die Sehnsucht nach Endgültigkeit gegenüber, der tiefe Wunsch nach Abgeschlossenheit der Vorgänge und Verwirklichung aller Pläne. Oder habe ich das alles nur einfach zu ernst genommen? Übersehen, daß alles nur als vorübergehendes Spiel gedacht ist, wie Charles Kingsley am Schluß seiner Waterbabies schreibt: »… und ihr sollt nichts davon ernst nehmen, selbst wenn es wahr wäre.«


Wie war es doch noch Weihnachten 1946, als ein Kuchen noch eine Festtagsfreude war und keine lästige Verpflichtung, für die man am Trainingsrad tagelang büßen müsste, als ›Danke‹ noch ›Danke‹ war und keine Schuldabweisung? Wir sind noch nicht soweit, noch nicht reif für den nächsten Tag; das große, helle Gebäude, in dem jeder seinen Nächsten erleichtert umarmen kann, ist noch nicht gebaut, gehässige Undankbarkeit ist lockerer Gesprächston, überall lauert noch Neid und Mißgunst, Eifer und Zorn, unerledigte Tagesgeschäfte und Schulden von Gestern.


Auch ich habe versagt: es ist mir nicht gelungen, einen ruhigen, breiten Strom fließen zu lassen, mit gemächlichen Windungen, umstanden von uralten, riesigen Schwarzpappeln, Buchen und Weiden, in denen der Wind sanft sein Spiel treibt, nur manchmal, wenn wir nicht aufpassen, uns in Ruhe wiegen, fährt eine kräftige Bö in die hohen Äste, reißt dort ungestüm, ja fast drohend an den Blättern und verheißt uns ein abendliches Gewitter, das die Äcker und Wiesen erfrischt. Die Wurzeln der Baumriesen sind tief und saftig, in ewiger Kraft die Erde umspannend, wir sitzen in einem festen Boot und wenn ich mich über den Rand beuge und auf den Grund des klaren Baches blicke, meine Hand ins laue Wasser halte, kann ich unter langhalmigen, in der Strömung wiegenden Gräsern algenbewachsene Kiesel erkennen, zwischen denen bedeutungslose Spenagerl hin und her-flitzen oder langsam schwingend gegen den Strom stehen, hier ist es überhaupt nicht tief. Ich habe die ersehnte Ruhe noch nicht beschwören können, zu unruhig und heiß glüht die Lava der Verzweiflungen und Kampfhandlungen, die Auflehnung gegen Unvermeidlichkeiten. Es ist keine ruhig fließende, gemächliche Strömung geworden, eher ein verzweifeltes, fraktal wirr verästeltes Gestürm. Es scheint alles so fern zu sein, der Horizont so weit, die Lichtungen geöffnet, bevölkert von nur wenigen, genaugenommen nur von mir: mit einer überdimensionalen, ja hausgroßen, rosa, schnappverschlossenen Ledertasche, sie ist im Lauf der Zeit immer größer geworden und lastet jetzt auf meinem Rücken wie das Gehäuse einer Schnecke, krieche ich am Horizont entlang; in der Tasche befindet sich ein aus dem Hammer eines Metall-Matadors selbstgebasteltes Senkblei, es zeigt immer zum Mittelpunkt der Erde, unzählige Löffel, vermutlich sind es exakt dreihundertfünfzehn, ein kurzer Bleistiftstummel, dessen Bleimine durch eine verchromte Metallhülse vor Beschädigung geschützt ist und ein kleiner Notizblock, aus kariertem Schulheftpapier zurechtgeschnitten, für alle Fälle und alle Zeiten. In den vergangenen Jahrzehnten habe ich dieses Nachrichten- und Erinnerungswerkzeug nie gebraucht, es ist nur mit der Zeit immer abgegriffener geworden. Manchmal hege ich die Vermutung, daß alle meine Bemühungen umsonst sein könnten. Und dennoch:


Ich sehe die kleine Katze an, sehe hindurch durch meine und ihre Augen, durch unsere glücklichen Augen auf das Leben an sich, in allen seinen kurz aufblitzenden, glühenden Formen, erstaunliche oder auf den ersten Blick fade, geradeso wie abstoßende oder läppische, auch über alle Maßen beeindruckende und atemberaubende, wie sie unter den Sternen, für Momente nur, in diesem Wesen aufblitzt, sein Talent in einem Feuerwerk des Geistes und der Fähigkeiten entzündet, diesen kostbaren, so weit wir ahnen können, einzigartigen Funken — damit er nicht für immer verglimmt — in ein anderes Leben weitergeben wird, sich für kurze Augenblicke in zwei Menschen bündelt und vereint, sich austauscht und wieder in entfernte Weiten verliert, selbst dann noch den unschätzbar wertvollen Atem des Belebtseins für andere hingibt, wenn es selbst schon aufgelöst und vergangen ist.
Und auch Tante Gusti hat ausgehalten: Sie ist die letzte der Schwestern geblieben. Als erste geboren, wollte sie ihre Familie bis zum Tod begleiten, nicht selbst aus dieser Welt scheiden, während jüngere Geschwister ihre Abwesenheit ausnützen und gar etwa Schande über die Familie bringen, davon bin ich beinahe überzeugt. Ihr Geburtshaus an einer Biegung der Lainzerstraße hatte sie uns mit sprödem Stolz gezeigt: ein bescheiden wirkendes, ebenerdiges Haus aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, es ist schon seit längerer Zeit abgerissen, von charakterlicher Unerheblichkeit ersetzt. Wenn wir in unseren Garten in Mauer fahren, rumpelt die Straßenbahn ganz nah daran vorbei; wie man sich als Kind ohne Bedeutung wohl daran erfreuen kann, wenn man auf Familiengeschichte im Stadtbild zeigen kann …


Ich sehe nicht nur ein Wesen. Alles Leben sehe ich, von der photosynthetisierenden, einzelligen Alge bis zum fernen Labor im Weltraum, jede Kreatur in dieser vom All aus gesehen hauchdünnen, so erschreckend verletzlichen Schicht, die wie ein vergänglicher Hauch unseren noch immer glühenden Erdball überzieht, innerhalb dieser uns so beklemmend eng gesetzten Temperaturzone, zwischen Verdampfung und Erstarrung, Asche oder Kristall, die Gemeinsamkeiten zwischen einem Regenwurm und uns scheinen mir größer als das Trennende, wichtiger als alle Unterschiede; wo es kein drüben, kein draußen und kein eh nur gibt, wo wir damit leben, was unsere Vorgänger hinterlassen, und unsere Kinder zwangsläufige Universalerben sind; wo die Chance, daß sich in einem Glas Napoleon Brandy tatsächlich ein Molekül von Kaiser Napoleon Bonapartes Scheiße befindet, mit jedem Jahr steigt und das Wasser, das wir trinken, da oben einirinnt und tausende Jahre Jahre durch den Berg gefiltert wird; Ich versuche den wärmenden Glutkern zu erahnen, der aus den vier Grundelementen, aus Erde und Feuer, Wasser und Luft, … aus dem Staube der Erde …, ein gezieltes Wollen zusammenführt, das Sichwenden zum Licht, das Erschnuppern der Beute, das Suchen nach der Brust, das Verlangen nach der Hitze des weiblichen Schoßes, das Lodern in den Hoden, das Brennen im Herzen nach Erwiederung auf Liebe, die Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem Weiterleben über das physische Dasein hinaus, das schwebende Gleichgewicht, die Balance in der Betrachtung des eigenen Fleisches und dem der anderen, des vermuteten, geglaubten Ungleichgewichtes der Wesen, der Verrichtungen, Sonnenuntergänge wie vollfrische Landeierdotter, Tagesbeginne gleich aufbrechenden Blumenkelchen, die Lust auf ein gutes Schmalzbrot oder.


Ich leiste mir diesen Moment, lasse glücklich und dankbar zu, daß mir diese Augenblicke geschenkt werden dürfen, sehr wohl mit Reue, weil ich nicht im Jetzt und Hier schaffen muß und Geschirrspüler ausräumen oder Wäscheaufhängen, sondern meine Augen über den allzu nahen und engen Rand der eigenen Existenz erheben darf und mehr als nur jetzt atme. —

Fortgesetzt …

© 2016 Hermann Schindler